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Zeitschrift für interkulturelle Germanistik - 16. Jahrgang, 2025: Muttersprache / Native Speaker – Interdisziplinäre Verhandlungen eines ambivalenten Konzepts: Nadjib Sadikou: Nordsüdlicher Divan. Interkulturell verfasste Textwelten in deutschsprachiger und afrikanischer Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (Raluca Rădulescu)

Zeitschrift für interkulturelle Germanistik - 16. Jahrgang, 2025: Muttersprache / Native Speaker – Interdisziplinäre Verhandlungen eines ambivalenten Konzepts

Nadjib Sadikou: Nordsüdlicher Divan. Interkulturell verfasste Textwelten in deutschsprachiger und afrikanischer Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (Raluca Rădulescu)

Nadjib Sadikou: Nordsüdlicher Divan. Interkulturell verfasste Textwelten in deutschsprachiger und afrikanischer Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart

Bielefeld: Aisthesis 2024 – ISBN 978-3-8498-1985-9 – 50,00 Euro

https://doi.org/10.14361/zig-2025-160122

Dass in den letzten Jahren Werke von europäischen Autor_innen afrikanischer Herkunft, unter ihnen auch afrodeutsche Schriftsteller_innen, mit wichtigen literarischen Preisen gekrönt wurden (u.a. Sharon Dodua Otoo, Jackie Thomae, Olivia Wenzel), legt Zeugnis von einer Kanonrevision ab, die im Zuge sozialpolitisch brisant gewordener Phänomene wie Postkolonialismus und Postmigration stattfindet. In diesem Zusammenhang ist Nadjib Sadikous Monografie zu begrüßen, die unter dem provozierenden Titel Nordsüdlicher Divan. Interkulturell verfasste Textwelten in deutschsprachiger und afrikanischer Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart eine Auslegung »komplementärer literarischer Verschränkungen« (12) zwischen den zwei Kontinenten verspricht. So geht die Studie von der Grundannahme aus, dass Interkulturalität ein unvollendetes Projekt der Literatur- und Sprachwissenschaften und insofern ein Forschungsgebiet darstellt, dessen Theorien und Begriffe im Sinne der fortschreitenden Entwicklungen in der Gesellschaft immer ergänzungsbedürftig sind. Dabei wird auf frühere wie neuere Erkenntnisse der interkulturellen Germanistik Bezug genommen, deren gemeinsamer Nenner die Entprivilegierung des ›binnendeutschen Blicks‹, die Neuperspektivierung und Neuwertung von Texten in ihren transkulturellem, transnationalen Wechselwirkungen und somit ihre De- und Rekanonisierung ist. Indem die Studie ausgewählte europäische und afrikanische theoretische Schriften sowie Prosawerke einer kontrapunktischen Lektüre unterzieht, möchte sie das »wechselseitige Anregungs- und Irritationspotential« (288) sichtbar machen und davon ausgehend den theoretischen Rahmen der interkulturellen Literaturwissenschaft erweitern.

Das Buch besteht aus neun Kapiteln und einem Resümee und bietet eine ausgeglichene Auswahl an kulturtheoretischen Ansätzen und veranschaulichenden Fallbeispielen an, indem die beiden Textarten unter dem Blickpunkt von regards croisés zwischen Literaturen konstelliert werden und somit eine Entwicklung im Sinne einer diachronen Interkulturalität bzw. eines diachronen Postkolonialismus erkennen lassen. Wie Sadikou in der Einleitung richtig anmerkt, begünstigt das schon den Texten aus dem frühen 19. Jahrhundert innewohnende interkulturelle und postkoloniale Potential eine »Neuverhandlung transnationaler und transkontinentaler (in diesem Fall europäisch-afrikanischer) Kulturräume«, indem sie sich, so eine der Leitthesen, der Prozesse der »Rekonfiguration, Transformation und Dekonstruktion« bedienen (19), um somit »eine kulturelle Semantik kritisch zu reflektieren und zu relativieren und eine interkulturelle Semiotik zu generieren« (12). Zu den Verfahren dieser Umschreibung, Re-Lektüre und Neupositionierung gehören ästhetische Mittel, die auf eine Poetik der »Übergangshaftigkeit«, der fluiden Grenzen und Identitäten sowie auf intertextuelle Überformungen und Übersetzungen zurückzuführen sind. Dieser Logik zufolge werden auch die folgenden Kapitel aufgebaut, wobei sie, über die literaturgeschichtliche Anordnung der Texte hinaus, aufgrund der Prävalenz von gewissen Strategien der Rekonfiguration dargeboten werden.

Das dritte Kapitel fokussiert die Zeitspanne zwischen 1800 und 1900 und wählt dabei vier kanonische Autoren aus. In Kleists Die Verlobung in St. Domingo bemerkt der Autor eine »Ästhetik der doppelten Valenz« (43) und das »Ineinander der Gegensätze« mit der brüchigen Konstruktion des Anderen (45). Gedichte aus Goethes West-östlichem Divan werden im Hinblick auf Subjektkonstitution und Macht gelesen, indem »eine metatextuelle Verschränkung kultureller Codes« (55) durch »Assimilation, Transposition und Transformation« (59) stattfindet und Intertextualität zur Reflexion von Interkulturalität eingesetzt wird (vgl. 61). Bei der Lektüre von Raabes Meister Autor entdeckt Sadikou »die Ästhetik einer Fragilität von Sinnbezügen« (64) und bezieht den Text auf die gegenwärtige Debatte um die Restitution von kolonialen Schätzen. Auch in Kellers Don Correa wird eine »machtkritische, antikoloniale und interkulturelle Semantik« (76) dargelegt.

Sehr wertvolle Forschungsergebnisse enthalten die nächsten zwei Kapitel. In der Einführung zum Kapitel vier werden die romantischen Postulate von der Selbstreflexivität und Universalität überzeugend mit den Überlegungen zur Négritude (Aimé Césaire, Léopold Sédar Senghor) als Brücke zwischen Afrika und Europa in Verbindung gebracht. Ferner werden die explizite Rezeption der deutschen Romantik durch Senghor sowie Goethes Vermittlerrolle zwischen Germanität und Latinität als interkulturelle Transferprozesse betrachtet, die transkontinentale Annäherungen und Verschränkungen erkennen lassen. Auch Achille Mbembes Kritik der schwarzen Vernunft soll europäische selbstbezügliche Verfahren der Fremdwahrnehmung neu konfiguriert haben. Einleuchtend ist auch die Verschränkung der theoretischen Erkenntnisse von Edouard Glissant (Poetik der Relation) und Kwame Anthony Appiah (Kosmopolitismus), um auf diese Weise Parallelitäten zwischen interkulturellen und postkolonialen Literaturdynamiken aufzuzeigen. Europäisch-afrikanische intertextuelle Beziehungen werden im Kapitel fünf veranschaulicht, indem der Autor die Texte aufgrund von Kategorien und Begriffen der interkulturell-postkolonialen Studien konstelliert, um die literarische Dekonstruktion von Hegemonialität sichtbar zu machen. Kanonische deutsche und französische Autoren und Philosophen treten somit in einen lebendigen Dialog mit afrikanischen Gesprächspartner_innen des 20. und 21. Jahrhunderts, so Kafka mit Camara Laye, Walter Benjamin mit Abdourahmane Waberi, Camus mit Ben Jelloun, um »inmitten von Gemeinsamkeiten und Unterschieden Spielräume für Übergänge und Vermittlungen« (189) dechiffrieren zu lassen.

In der deutschen sowie europäischen Literatur von Autor_innen mit afrikanischer Herkunft nach dem Jahre 2000 identifiziert Sadikou eine Ästhetik der Übergangshaftigkeit und der Ent-Grenzung (Kapitel sechs). Eine brüchige interkulturelle Subjektbildung artikuliert sich zwischen unterschiedlichen kulturellen und religiösen Räumen (vgl. 191), sei es in Felicitas Hoppes Roman Paradiese, Übersee, in Nadine Gordimers The Pickup oder in Damon Galguts In a Strange Room, die anhand von weiteren Theorien und Begriffen, diesmal der flüssigen Grenzen, gelesen werden. Diese Ästhetik der Entgrenzung vertieft der Autor weiter, indem er das ganze nächste Kapitel vier Romanen der deutsch-rumänischen Autorin Iris Wolff widmet, um am Beispiel interkultureller Überschneidungen und Überlappungen in Siebenbürgen oder im Banat ausgeprägte Hybridisierungsphänomene sichtbar zu machen, welche die Entgrenzung von festen kulturellen Zugehörigkeiten ermöglichen und »Narrative der Fluidität« (235) entstehen lassen.

Bei der Verhandlung transkultureller Identitätsentwürfe scheint der interreligiöse Dialog, zumindest in der (post)migrantischen Gesellschaft, eine wichtige Rolle zu spielen, deswegen setzt sich das achte Kapitel mit ästhetischen Rekonfigurationen des Religiösen auseinander und nennt Fallbeispiele von nach 2000 entstandenen Werken europäischer Autor_innen afrikanischer Herkunft. Dabei ist auch hier eine Ästhetik des Überschreitens und der Infragestellung tradierter Machtverhältnisse und hegemonialer Ordnungen festzustellen, die Texte von Fatou Diome, Rafik Schami und Yasmina Khadra verfahren kulturrelativistisch im Sinne einer wechselseitigen Anerkennung pluraler religiöser Vorstellungen.

Die Studie stellt durch den Forschungsansatz, die Korpusauswahl und die Erweiterung des theoretischen Rahmens einen ausgesprochen willkommenen Beitrag auf dem Forschungsfeld der interkulturellen Literaturwissenschaft dar. Indem sie ältere und neuere Texte aus der europäischen (nicht nur deutschsprachigen, wie im Titel angekündigt) und afrikanischen Literatur komparatistisch miteinander ins Verhältnis setzt, wird anhand eines kulturwissenschaftlichen methodischen und begrifflichen Repertoires ein Medium geschaffen, das die beiden durch gegenseitige Bezüge und Transferprozesse kommunizieren lässt. Man hätte vielleicht das dritte, den deutschen kanonischen Autoren des 19. Jahrhundert gewidmete Kapitel mit einem weiteren ausgleichen können, wo dementsprechend deutschsprachige (nicht nur Iris Wolff) und/oder afrodeutsche Autor_innen der Gegenwart mitreden sollten, aber das Thema ist ergiebig genug, um auch von weiteren Forschungen ausgeweitet und vertieft zu werden.

Raluca Rădulescu

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