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Zeitschrift für interkulturelle Germanistik - 16. Jahrgang, 2025: Muttersprache / Native Speaker – Interdisziplinäre Verhandlungen eines ambivalenten Konzepts: GiG im Gespräch 2025

Zeitschrift für interkulturelle Germanistik - 16. Jahrgang, 2025: Muttersprache / Native Speaker – Interdisziplinäre Verhandlungen eines ambivalenten Konzepts

GiG im Gespräch 2025

GiG im Gespräch 2025

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

liebe Mitglieder der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik,

sehr geehrte Leserinnen und Leser der Zeitschrift für interkulturelle Germanistik,

2025 ist das Jahr mit den beiden Tagungen der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG) in Graz und des Internationalen Deutschlehrerinnen- und -lehrerverbands (IDV) in Lübeck gewesen. Die nächste Jahrestagung der GiG wird, wie bereits angekündigt, aus diesem Grund 2026 in Bangkok an der renommierten Chulalongkorn-Universität stattfinden. Die Vorbereitungen schreiten gut und zügig voran, nachdem der Call for Papers bereits verschickt wurde.

Das Tagungsthema Diversität – Divergenz – Dialog: Germanistik im Kontext von Global Citizenship und Wissenschaftsdiplomatie greift einen Aspekt auf, den ich in Heft 2021-1 der ZiG schon einmal vorgestellt habe, den der science diplomacy. Ich komme hier auf meine Überlegungen zurück, da sie nichts an ihrer Aktualität verloren haben.

Denn weiterhin wird Wissenschaftsdiplomatie u.a. seitens des Auswärtigen Amtes in Berlin stark gemacht und als bedeutender Baustein der deutschen internationalen Diplomatie betrachtet. Auch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt – früher Bildungsministerium für Bildung und Forschung – steht unverändert hinter dem Konzept der science diplomacy. Ebenso auffallend wie erstaunlich ist dabei, dass den internationalen Germanistiken als bestens etabliertem Netzwerk weltweit kaum oder keine Aufmerksamkeit geschenkt wird und, so ist zu vermuten, in diesem Zusammmenhang auch keine Bedeutung zugesprochen wird.

Werfen wir noch einmal einen Blick darauf, was unter Wissenschaftsdiplomatie zu verstehen ist. Den offiziellen Webseiten der Europäischen Union1 kann man entnehmen, dass es für Wissenschaftsdiplomatie keine einheitliche Definition gibt, sie aber im Allgemeinen drei Bereiche umfasst:

  1. Diplomatie für die Wissenschaft, wobei es um den Einsatz diplomatischer Maßnahmen zur Förderung der internationalen wissenschaftlichen Zusammenarbeit gehe, z.B. durch die Aushandlung von Abkommen im Bereich von Forschung und Entwicklung und von Austauschprogrammen oder durch den Aufbau internationaler Forschungsinfrastrukturen.
  2. Wissenschaft für die Diplomatie, worunter der Einsatz von Wissenschaft als soft power zur Förderung diplomatischer Ziele verstanden wird, z.B. zur Stärkung der Beziehungen zwischen Nationen und zur Förderung der Bereitschaft, diplomatische Beziehungen aufzubauen.
  3. Wissenschaft in der Diplomatie, womit die direkte Unterstützung diplomatischer Prozesse durch Wissenschaft angestrebt wird, z.B. anhand wissenschaftlicher Beratung und Bereitstellung von Informationsgrundlagen sowie der Unterstützung von Entscheidungsfindungen in der Außen- und Sicherheitspolitik.

Eine kurze Erwähnung findet hier en passant, dass Europa eine lange Tradition in der Wissenschaftsdiplomatie habe, auch wenn diese in der Vergangenheit nicht immer als solche bezeichnet worden sei. – Natürlich sprach man nicht von Wissenschaftsdiplomatie, so ist anzumerken, wenn man sich ein von der Aufklärung geprägtes Selbstverständnis von Wissenschaft vor Augen führt, wie es sich in der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers von D’Alembert und Diderot Bahn gebrochen hat.

Das Konzept der Wissenschaftsdiplomatie sei tatsächlich erst in der vergangenen Dekade konzipiert und in der Außen- und Sicherheitspolitik etabliert worden. Verschiedene EU-Mitgliedstaaten hätten in den letzten Jahren damit begonnen, Strategien für die Wissenschaftsdiplomatie zu entwickeln oder wissenschaftsbezogene Positionen in ihren Außenministerien zu schaffen, wie z.B. Wissenschaftsberater, chief science officers, Sonderbeauftragte für Wissenschaftsdiplomatie oder Technologiebotschafter. Parallel dazu seien neue institutionelle Akteure entstanden, wie beispielsweise der 2018 gegründete Internationale Wissenschaftsrat (International Science Council). Andere Einrichtungen seien in den diplomatischen Bereich vorgedrungen, z.B. die sowohl aus wissenschaftlichen als auch aus wissenschaftspolitischen Gründen 1954 gegründete Europäische Organisation für Kernforschung, der 2012 der Beobachterstatus in der UN-Generalversammlung gewährt worden sei.

Darüber hinaus seien weltweit relevante Netzwerke aufgebaut worde, wie beispielsweise das Foreign Ministries Science & Technology Advice Network, das als globale Plattform für Wissenschaftsberater im diplomatischen Dienst diene, das Netzwerk »Science Policy in Diplomacy and External Relations«, das die Wissenschaftsdiplomatie-Community weltweit zusammenbringe, oder das Netzwerk »Big Research Infrastructures for Diplomacy and Global Engagement through Science«, über das große internationale Forschungsinfrastrukturen in Fragen der Wissenschaftsdiplomatie zusammenarbeiteten. Ergänzt werde dies durch Initiativen wie den »Geneva Science and Diplomacy Anticipator«.

Schon 2021 machte ich in der Rubrik GiG im Gespräch deutlich, dass aus Sicht der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik all diese Entwicklungen ebenso aufmerksam verfolgt wie sie kritisch reflektiert werden müssen. Darüber hinaus gilt es zunehmend, die Bedeutung des internationalen wissenschaftlichen Netzwerks der interkulturellen Germanistik im Zusammenhang von science diplomacy namhaft zu machen, um darauf hinwirken zu können, die oben skizzierten drei Bereiche vielleicht zu erweitern oder zu modifizieren. Denn es mögen in der einen oder anderen Weise die oben skizzierten drei Auffassungen von Wissenschaftsdiplomatie auch für die internationalen Germanistiken eine gewisse Rolle spielen – beziehungsweise die internationalen Germanistiken für solche Auffassungen von Wissenschaftsdiplomatie, beispielsweise in Form der Förderungen durch den DAAD. Meiner Überzeugung nach sind die internationalen Germanistiken jedoch durchaus in der Lage, unter Wahrung ihrer wissenschaftlichen Unabhängigkeit das, was unter Wissenschaftsdiplomatie verstanden werden kann, und das, was sie leisten könnte, konstruktiv erheblich zu bereichern.

Solche Fragen werden u.a. bei der Jahrestagung 2026 in Bangkok diskutiert werden können.

Ich verbleibe mit meinen herzlichsten Grüßen Ihre Gesine Lenore Schiewer

Anmerkungen

1 Online unter: https://www.eeas.europa.eu/eeas/what-science-diplomacy_en [Stand: 1.8.2025].

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