Die Asymmetrie der Mutter-X-Stimme
AbstractThis essay uses a philosophical-hermeneutic reading of the Oracle of Delphi’s heralds to portray the mother's voice as a failed beginning, creating an asymmetry in communication.
The ancient Pythiae, who received and transmitted the divine voice, are associated with the art of divination. In this essay, however, the reception of Mother Earth’s voice is attributed to a hermeneutics of listening. The Oracle of Delphi speaks from the earth’s locus, where the serpent Python, slain by Apollo, dwells. Priestesses receive messages from Mother Earth and convey them in the form of sayings, which priests and philosophers then translate and write down. The circle of communication is maintained by the asymmetry of the ›mother‹ voice.
TitleThe Asymmetry of the Mother-X-Voice
Keywordsmother voice; hermeneutics; oracle; divination; listening
Vorspann
Muttersprache. Die Sprache einer Asymmetrie
a) Muttersprache: die Asymmetrie des Ursprungs
Sprache spricht (vgl. Heidegger 1985: 10). Aber die Muttersprache spricht nicht nur. Mutter als Bestimmungswort eines Kompositums setzt die Sprache an jenen Ort, von dem die Mutter spricht. Von welchem Ort spricht also die Muttersprache? »Heimat ist dort, wo die Muttersprache gesprochen wird«, schreibt der Schriftsteller Arnold Stadler (2019: 6). Dann ist die Muttersprache jene Sprache, die in der Heimat gesprochen wird, und die Heimat ist jener Ort, wo man die Muttersprache spricht. Die Sprache der Mutter ist die Sprache der Heimat; die Heimat ist dort, wo die Sprache der Mutter gesprochen wird. Dieser Zirkelschluss zeigt eine Gleichsetzung zwischen Mutter und Zuhause, wobei die Mutter die Wirtin der Wohnstätte ist, in der das Zuhause jenes ist, in dem man die Sprache der Mutter spricht. Das 18. Jahrhundert fand einen Ausweg aus diesem Zirkelschluss, als die Sprache des Heims der Sprache des Ursprungs zugeordnet wurde. So widmete sich die wissenschaftliche Agenda des 18. Jahrhunderts der Aufgabe, die Sprache des Heims nicht mehr dem Mutterschoß, sondern jenem Territorium zuzuordnen, an das sich das Neugeborene, sich vom Mutterkörper entbindend, anbindet, sodass die Heimat jener (Ursprungs‑)Ort sei, an dem man durch Geburt (nasci, lat.) ankommt. So veranstaltete die Berliner Akademie der Wissenschaften zu Beginn des letzten Drittels des 18. Jahrhunderts einen Aufsatzwettbewerb zur Frage nach dem Ursprung der Sprache. Johann Gottfried Herder erhielt 1769 den Preis für seine Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Der Philosoph fasst Sprache nicht als eine rein geistige Tätigkeit auf wie seine Kollegen, etwa Alexander von Humboldt (vgl. 1994), der Sprache als Sprechakt auf Artikulationssysteme zurückführt, sondern als in der Natur bereits vorhanden. Auch unartikulierte Lautbilder gelten bei Herder als Sprache. »Schon als Tier hat der Mensch Sprache« (Herder 2011: 5). Der Mensch besitzt die Sprache, sobald er sich äußert wie andere Tiere. Sie hat ihren Ursprung in der Natur, denn auch andere Lebewesen, die die Laute nicht geistig erlernen, sprechen, sodass die Sprache des Ursprungs der Sprache der Natur entspricht, die in unartikulierten Lauten gesprochen wird – ursprünglich deshalb, weil das Neugeborene, das noch nicht der Sozialisation unterworfen ist, in unartikulierten Lauten, gleich einer ›Tierstimme‹, spricht. So kam Herder zum Unterschied zwischen der Natursprache und der Kunstsprache, indem er die Erstere, den ›Klang der Natur‹, und die Letztere, die in der Sozialisation ›erlernt‹ wird, unterscheidet. »Die jungen Enten entschlüpfen der Henne, die sie ausgebrütet, und hören, vergnügt in den Elementen plätschernd, in das sie der Ruf der mütterlichen Natur hinzog, die warnende, rufende Stimme ihrer Stiefmutter nicht, die am Ufer jammert« (ebd.: 97).
Die Stimme der Mutter, die in der Mutter-Natur und in der Mutter-Mensch anklingt, vertont die Reste des Ursprungs, sodass die Laute in das Alphabetisierungsprogramm des 19. Jahrhunderts überführt werden. Es ging, wie schon Friedrich Kittlers Arbeit zum Aufschreibesystem 1800-1900 zeigt, um die Verschriftlichung der Mutterstimme, die durch den Mund der Mutter erklingt. Die Muttersprache war der Lehrplan für die Erziehung der Kinder. Den Müttern kam die Aufgabe zu, den Kindern die Sprache durch Vorlesen beizubringen, vorausgesetzt, die Naturlaute klangen in der Stimme aus dem Mund der Mutter mit. Friedrich Kittler hat die Literatur in Deutschland um 1800 als ein System der Verschriftlichung des Mundes der Mutter beschrieben. »Der Diskurs, den die Mutter im Aufschreibesystem um 1800 nicht hält, sondern macht, heißt Dichtung« (Kittler 1995: 35), und der Muttermund reproduziert die mütterliche Naturstimme im Laut. Aber die Muttersprache war eine Sache der (Auf‑)Schreiber:innen, der Dichter:innen, nicht ihrer klingenden Stimme.
Die natürliche Sprache wird ›vergessen‹, wenn das Neugeborene in den Sozialisationsvorgang eintritt und die Sprache – die Artikulationssysteme – erlernt. Aber das Erlernen der Sprache löscht nicht die Sprache der Natur aus, sobald es Mütter gibt. Es hinterlässt Spuren, denn die Muttersprache bewahrt die Laute der Stimme der Natur: »In allen Sprachen des Ursprungs klingen noch Reste dieser Naturlaute mütterlicher Natur nach« (Herder 2011: 9).
Durch die Stimme der Mutter wird die Stimme der Natur wieder in die Sprache des Geistes eingeführt. Die mütterliche Natur säuselt, spricht: Die Mutter-Stimme ist die Stimme der Mutter, der Mutter-Natur, des Mutter-Tiers und des Mutter-Menschen gleichermaßen. Es liegt auf der Hand, dass die Zuschreibung eines Sprachtons an die Natur dem Programm der Romantik entspricht, in der die Natur als Wirtin aller Lebewesen angesehen wird, deren Sprache auch die Sprache der Mutter ist.
b) Muttersprache: die Asymmetrie des Anfangs
Die gängigsten Sprachphilosophien haben die Sprache als geistige Tätigkeit des Menschen dargestellt. Ihr wird ein Zeitpunkt zugeordnet: der Beginn des Sprechens. »Sprache, die ein Mensch als Kind (von den Eltern) erlernt [und primär im Sprachgebrauch] hat« (Dudenredaktion o.J.). Die Muttersprache ist die Sprache des Anfangs. Aber wo und wann erfolgt dann der Anfang? Der Anfang ist nicht wiederholbar, wie auch der Ursprung nicht rückverfolgbar ist, weil die Menschwerdung (Ontogenese) während einer Zeit geschieht, die nur eine Richtung kennt: vorwärts. Die Ontogenese findet im Laufe eines Zeitpfeils statt, wonach keine Rückkehr möglich ist. Die Unwiederholbarkeit eines (örtlichen) Ursprungs und eines (zeitlichen) Anfangs, die Unmöglichkeit der Wiederkehr zur Zeit der Geburt und zum Ort machen den Ursprung der Sprache asymmetrisch. Aber die unwiederbringliche Zeit hinterlässt ›Spuren‹, die die Erinnerung an einen Ursprung und einen Anfang der Sprache wecken können. Man kann sich des Moments eines Anfangs und eines Ursprungs entsinnen, was der Rekonstruktion der mnemotechnischen Intelligenz zu verdanken ist (vgl. Bergson 1908), oder man kann auf ihren völligen Verfall hinweisen, da es keinen Anfang und keinen Ursprung mehr gibt, man nur noch die Spuren des Zeitpfeils deuten kann. Sowohl der Ursprung als auch der Anfang weisen eine räumliche und eine zeitliche Asymmetrie auf, die eine Öffnung zur Ungewissheit des Neuen zulassen.
c) Sprache des Anfangs: die Offenheit der Schnittstelle bei mehrwertigen Umwelten
Aus den anthropologischen Philosophien, insbesondere jener von Adolf Portmann – exemplarisch in seinem Werk Um das Menschenbild: Biologische Beiträge zu einer Anthropologie (1964) –, wissen wir bereits, dass die Menschwerdung einem Prozess der extrauterinen Ontogenese gleicht. Das heißt, dass die Anbindung an die Welt, die der Entbindung vom Mutterkörper folgt (vgl. Saratxaga Arregi 2019: 121-131), ein Übergangsprozess ist, der nicht aufhört, sich zu vervollständigen. Das bedeutet, das Ankommen in der Welt ist ein Vorgang, der nicht aufhört ›überzugehen‹. Dies wird in der Biologie als Ontogenese und in der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse als Übertragung bezeichnet.
Das Neugeborene tritt in die offene Welt ein, indem es teilweise an der Umwelt der Mutter sowie an denen anderer allmütterlicher Instanzen teilhat. Der Anfang ist die Öffnung zu mehreren Umwelten, an deren Schnittstelle sich sowohl der Übergang als auch die Ontogenese vollzieht. Die Welt des Neugeborenen, die durch die Sprache geformt wird, formt sich in dieser ontologischen Differenz zwischen mehrwertigen Umwelten, weil sie sich an eine offene Umwelt anbindet, als Folge des Verlassens der intrauterinen Behausung – einer geschlossenen Umwelt –, deren Unumkehrbarkeit als Verlust erlebt wird. Die Muttersprache bildet sich in dieser radikalen Offenheit, die nichts anderes bedeutet als eine Asymmetrie der Herkunft.
1. Pythien
Das Relais der Mutter-X-Stimme
Dem Versuch, die Liebe zum Wissen untadelig zu machen, ordnete Sokrates den delphischen Spruch zu: νῶθι σεαυτόν (gnóthi seautón). »Erkenne dich selbst«, eine der sieben Weisheiten, die Thales überliefert haben soll (vgl. Snell 1971: 12), steht als Spruch über dem Apollotempel von Delphi. Sokrates griff diesen Satz auf und machte ihn zur Anweisung einer neuen Ausrichtung der antiken Philosophie: Selbsterkenntnis als Weg zur Wahrheit. Die Anweisung zur Wahrheitserkenntnis stammt aus den Klängen der Priesterinnen von Delphi, die durch das Orakel die Stimme der Mutter Erde anstimmten. Sokrates machte die rätselhafte Botschaft der Priesterinnen zum Prinzip einer Philosophie, die den Weg zur Wahrheit weist.
Die Pythien waren die Priesterinnen von Delphi und für dessen Orakel zuständig. Sie waren auf Lebenszeit mit diesem Amt betraut. Ihre Aufgabe bestand darin, durch Befragung des Orakels Rat zu erteilen. Die Überlieferung über die Stadt Delphi, das Orakel von Delphi und die Priesterin Pythia ist teilweise schwer zu interpretieren. Die archäologischen Funde, das literarische und textliche Material sowie wissenschaftliche Untersuchungen zum Orakelkult in Delphi sind nicht einheitlich. Der Grund für die Uneinheitlichkeit der aus zahlreichen Quellen stammenden Angaben liegt in der mehr als »tausendjährigen Geschichte mit ihren wechselnden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen und Wechselfällen« (Friese 2012: 23). Bereits aus dem siebten Jahrhundert v. Chr. gibt es Berichte über das Orakelheiligtum. Die berühmtesten Dichter, Geschichts- und Tragödienschreiber bezeugen mit ergreifenden Worten die Weissagungen von Delphi.1 Nicht zuletzt ist die hohe Würdigung des Ortes unbestritten und das Wirken der Priesterinnen als höchst bedeutend bezeugt.2 Das Orakel von Delphi hatte großen Einfluss auf das innen- und außenpolitische Geschehen Griechenlands, aber auch auf das Privatleben. Insbesondere bei der Kolonisationsbewegung im heutigen Libyen zwischen 750 und 550 v. Chr. und in den Perserkriegen zwischen 480 und 470 v. Chr. waren die Ratschläge der Pythia für die politischen und militärischen Entscheidungsträger:innen ausschlaggebend. Auch für das athenische Adelsgeschlecht der Alkmeoniden beim Aufstieg der makedonischen Herrschaft seit dem Vierten Heiligen Krieg (339-338 v. Chr.) waren die Priesterinnen angesehene Ratgeberinnen. Darüber hinaus erfüllten sie eine sehr wichtige Funktion in persönlichen Angelegenheiten, wie etwa bei der Befragung Homers nach seinem Geburtsort (vgl. Giebel 2001: 90). Delphi war im achten Jahrhundert v. Chr. der Nabel der griechischen Welt (vgl. ebd.: 7), die Ruhmeshalle und die Stadt der Ratsuchenden Griechenlands.
2. Apollotempel
In Erinnerung an den Sieg über Python
»Es wird viel Verschiedenes über Delphi selbst erzählt und mehr noch über das Orakel des Apollon«, sagte Pausanias (1918: Buch 10.5.5, zit. n. Friese 2012: 23). Und es wird viel von einer Priesterin namens Pythia berichtet, die unzweifelhaft im Namen Apolls weissagte (vgl. ebd.: 27). Die Stadt Delphi mit dem Orakel und anderen lokalen Einrichtungen wie der Brunnenanlage (Kastaliaquelle und Kassotis) war seit der ersten Jahrtausendwende v. Chr. Apoll geweiht. Der Apollonkult ist archäologisch belegt und die homerischen Hymnen verherrlichen den ihm geweihten Tempel, in dem das Orakel aufbewahrt wird.
Stätte der Weissagung sei er fortan den Menschen, die stets mir hierher zuführen werden vollzählige Hundertopfer, seiʼs aus der Peloponnes, wo sie fruchtbaren Boden besitzen, oder auch aus Europa, von Inseln, die wasserumrauscht sind, um sich weissagen zu lassen; ich werdʼ ihnen unfehlbar raten, allen nach Satzung geben Orakel im schatzreichen Tempel [sic]. (Homer, Hymnus auf Apoll 287-289, zit. n. Giebel 2001: 12)
Die Mythen erzählen in vielfältigen Versionen die Geschichte eines Drachens namens Python, der in Delphi wohnte und das Orakel bewachte. Bei Apollonios von Rhodos trägt die Schlange den Namen Delphyne, wovon sich später der Name der Stadt herleitet. Bei Ovid und Hyginus Mythographus trug die Schlange den Namen Python. Sie hauste lange Zeit in einer Höhle an einer Quelle. Python, nach den homerischen Hymnen eine weibliche Schlange, Tochter der Erde und Hüterin ihrer Mutter Gaia, verfolgte Leto, die Geliebte des Zeus und zukünftige Mutter von Apoll und Artemisia. Im Auftrag von Hera, der Gattin des Zeus, sollte sie die Geburt Apolls verhindern. Aus Rache besiegte der jugendliche Gott im Kampf die Schlange Python (vgl. ebd.: 9). Aus ihrem vergossenen Blut wurde der Apollontempel errichtet, der an den Sieg über die alten Mächte erinnerte und zugleich dem Orakelkult geweiht war. Der Sieg Apolls über die Schlange stellt jedoch eine paradigmatische Wende zu einer neuen Ordnung dar, in der die in archaischer Zeit dominierenden chthonischen Kräfte durch die neue Ordnung der olympischen Gottheiten besiegt werden. Nicht umsonst ist der Sieg über den Drachen einer der berühmtesten und am meisten verehrten Kulte der griechischen und römischen Welt. In der Tat befinden sich in Delphi die ältesten Spuren einer Orakelpraxis aus mykenischer Zeit. Im mykenischen Tempel II von Kition auf Zypern wurde eine Bronzeleber mit Orakelinschriften aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. gefunden (vgl. Friese 2012: 20). Offenbar sind in Delphi mehrere mykenische Frauenfiguren entdeckt worden, die auf eine starke weibliche Machtfülle schließen lassen. Bevor die Götter des Olymps die Herrschaft über die Rechtsordnung übernahmen, huldigten Schlange und Drache in mykenischen Tempeln dem Orakelkult. Aischylos verkündete die Wende zum olympischen Griechenland und den Sieg der neuen Ordnung über die Macht der scheinbar uralten Stimme der Mutter, von den Göttergeschlechtern der Titanen, den Kräften der Erde, zu »der jungen Olympia, den Kräften des Himmels« (Giebel 2001: 8).
Als erste Gottheit und das Protomantis, als ›Urwahrsagerin‹, waltete Gaia hier, die Erdmutter, die von Uranos die Mutter der Titanen wurde, des älteren Göttergeschlechts, das Zeus und den Olympiern weichen musste. Auf Gaia folgte ihre Tochter Themis, die Göttin des Rechts. Als Dritte nahm, mit Willen der Themis und ohne Gewalt, Phoibe den Platz ein. Phoibes Tochter ist Leto, auch sie eine Titanin, die von Zeus die Zwillinge Artemis und Apollon auf Delos zur Welt bringt. Phoibe, heißt es weiter bei Aischylos, übergibt als Geburtstagsgeschenk Heiligtum und Orakelstätte ihrem Enkel Apollon, der sich seitdem Phoibos Apollon nennt. (Ebd.: 9f.)
Die Stimme der Weissagung soll nun dem Tempelapoll dienen. Die Pythia verkündete Weisheiten aus der Kraft der Erde. Von dort, wo die Schlange saß, ertönte die Stimme der Mutter Erde im Dienste des Apollokultes, und die Priesterinnen weihten den Apollotempel.
3. Saxa loquuntur
Omphalos spricht die Stimme der Mutter Erde
Pythien übermittelten in der Regel keine Ja/Nein-Antworten, obwohl diese im archaischen Griechenland sehr beliebt waren. Die Antworten erfolgten in Form von Sprüchen. So kam es, dass Orakel, dem lateinischen oraculus entlehnt, »Sprechstatt« heißt. Chresmos hieß seine griechische Übersetzung, was »Orakelspruch« bedeutet (vgl. Friese 2012: 7). Orakel leitet sich ebenfalls vom lateinischen oraculum, »Ort der Rede«, ab. Der Genius Loci spricht. Die Weissagung fand in einer Halle des Tempels statt, dem Adyton, in dem Pythia auf einem Dreifuß sitzend die Orakelsprüche verkündete (vgl. Maaß 2007: 25). »Neben ihr standen ein Lorbeerbaum, eine goldene und eine hölzerne Statue des Apollon und der sogenannte Omphalos, ein kegelförmiger Stein, der nach einem Mythos des Pindar den Mittelpunkt oder Nabel der Welt bezeichnete« (Friese 2012: 29).
Saxa loquuntur, »die Steine sprechen«. Die Stimme der Mutter Erde wird an einem Ort empfangen, an dem sich ein Stein befindet, der auf Griechisch »Nabel« bedeutet. Pindar nennt ihn den ›Nabel der Welt‹. Die Geschichte nach Pindar erzählt, dass Zeus, um den Mittelpunkt der Erde zu bestimmen, zwei Adler aufsteigen ließ, einen vom westlichen und einen vom östlichen Rand der Erdscheibe. Als sie sich entgegenflogen, trafen sie sich genau in der Mitte der Erdscheibe.
An dieser Stelle wurde ein eiförmiger Stein (omphalos, »Nabel«) aufgestellt. Der Omphalos-Stein gilt nicht nur wegen seines Fundorts im Adyton als Wahrsageobjekt, sondern auch als Artefakt, aus dem die Stimme der Mutter (Erde) spricht. Auf dem Omphalos-Stein soll »E GAS« eingemeißelt gewesen sein, das von Plutarch kommentierte mythische E der Erdgöttin Ga. Es wurde als eine Inschrift des Kultes der Mutter Erde angesehen. Obwohl neuere lexigraphische Forschungen diese These als zweifelhaft erscheinen lassen (vgl. Giebel 2001: 22), ist der Bezug des omphalos zur Mutter Erde im weitesten Sinne aus Sicht einiger Forscher:innen offensichtlich. Nach Jean-Pierre Vernant (vgl. 1983: 160f.) gilt der omphalos von Delphi als Sitz der Hestia. Für ihn ist die Analogie zwischen omphalos und Hestia, der runden Feuerstelle des Hauses, offensichtlich, da Hestia in einigen Darstellungen nicht auf ihrem Hausaltar, sondern auf einem omphalos sitzt. Marie Delcourt (vgl. 1955: 144-149) gibt dem omphalos die Deutung der Nabelschnur, die das Kind mit der Mutter verbindet, die Verwurzelung einer Generation in der vorhergehenden und auch die Verwurzelung der menschlichen Gattung in der Erde. Der omphalos, der mit der Erde verbunden ist, stellt gleichzeitig einen Punkt der Einbettung dar, da er als Gefäß für die Seelen und das Leben dient.
4. Wahn- und Wahrsagen
Die Kunst der Pythia war das Wahrsagen. Dies hatte mit Vorhersagen nichts zu tun, obwohl die Wahrsagekunst der Vorhersagekunst gleicht. Die Kunst der Orakeldeutung hat nichts mit der in die Zukunft blickenden Vorhersage zu tun. Vielmehr ging es darum, Rat betreffend unlösbare Probleme oder erklärungslose Fragen zu erteilen. Die Weisheit der Priesterinnen lag in der Kunst, göttliche Botschaften aus dem Orakel zu empfangen und sie auszusprechen, nämlich die Wahrheit zu sagen. Der Empfang erforderte ein besonderes Wissen, das Hören der göttlichen Stimme. So kündigten die delphischen Priesterinnen es beinahe betend an: »Ich sage wahr, so wie der Gott es mir befiehlt« (Aischylos 1987: v. 33).
Was den prophetischen Aussagewert der delphischen Orakel allgemein angeht, so gilt hier, was bei Cicero in der genannten Schrift (cic.div.1,37f.) so formuliert wird: Das delphische Orakel wäre niemals so berühmt gewesen, wenn es sich nicht durch die höchste Wahrheit, summa veritate, ausgezeichnet hätte. (Giebel 2022: 38)
Die göttlichen Wahrheiten werden durch das Orakel an die Priesterinnen weitergegeben, die die Aufgabe haben, sie auszusprechen. Die Priesterinnen sind mit der Wahrsagerei beauftragt. In der Tat hatte Sokrates den Orakelpriesterinnen die ›göttliche Weissagung‹ zugeschrieben. Und Platon zeigt in seinem vielzitierten Phaidros, wie die göttliche Besessenheit der Kunst der Weissagung gleicht. Er verwendet manike (»göttliche Besessenheit«) und mantike (»Weissagung«) als zwei Bezeichnungen für ein und dasselbe Phänomen, zu dem er schließlich auch die dichterische Inspiration zählt (vgl. Platon 1984-1987: 244f.). Platon verstand den Wahnsinn, den prophetischen Wahnsinn, als Verstand der Wahrheit. Die göttliche Wahrheit kann nur im Zustand des Wahnsinns empfangen werden.
Unwahr ist jene Rede, welche behauptet, daß wenn ein Liebhaber da sei, man vielmehr dem Nichtliebenden willfahren müsse, weil nämlich jener wahnsinnig sei, dieser aber bei Sinnen. Denn wenn freilich ohne Einschränkung gälte, daß der Wahnsinn ein Übel ist, dann wäre dieses wohl gesprochen: nun aber entstehen uns die größten Güter aus einem Wahnsinn, der jedoch durch göttliche Gunst verliehen wird. Denn die Prophetin zu Delphi und die Priesterinnen zu Dodone haben im Wahnsinn vieles Gute in besonderen und öffentlichen Angelegenheiten unserer Hellas zugewendet, bei Verstande aber kümmerliches oder gar nichts (ebd.: 244).
Poetische Inspiration und Wahrsagung teilen den Wahn als Form von Intelligenz, die höchsten Ideen zu empfangen. Diese Inspiration ist poetisch und drängt die Seele zu einer Hermeneutik des mantischen Sehens. Der Empfang der göttlichen Stimme erfordert eine Alteration der Wahrnehmung.
4.1 Wahn-Sehen oder die göttlichen Botschaften empfangen
Der Empfang göttlicher Wahrheiten erforderte eine übermenschliche Aufnahmefähigkeit, auf die sich die Pythien als Medium vorbereiten mussten. Die körperlichen Techniken waren sehr anstrengend. Schon Tage vor dem festgelegten Befragungstermin begann die Pythia mit den Vorbereitungen auf dieses Ereignis. Sie soll die ganze Nacht gewacht, gefastet, sich verschiedenen Reinigungszeremonien unterzogen haben und schließlich zur heiligen Quelle gegangen sein, um darin zu baden (vgl. Friese 2012: 28). Die Reinigungsrituale bereiteten den Empfang der Stimme der Mutter-Erde vor. Dazu gehörte das rituelle Bad in der Kastaliaquelle vor der Befragung. Danach forderte Pythia die Klient:innen des Orakels auf, sich in der Quelle zu reinigen. Zu den Vorbereitungsritualen gehörten »das Trinken aus der Quelle Kassotis, das Kauen von Lorbeerblättern und das Anzünden von Räucherwerk« (Giebel 2001: 18). Dann kam das Dreifußritual. Der Dreifuß war ein Gebrauchsgegenstand, je nach Größe zum Kochen – die Bronzenen dienten zum Kochen des Opferfleisches – oder zum Baden (vgl. ebd.: 14). Von Homer wissen wir, dass er ein sehr begehrter und geschätzter Gegenstand war. Pythia saß auf einem Dreifuß über der Erdspalte, aus der betäubende Dämpfe aufstiegen, die sie einatmete (vgl. ebd.: 18). Archäologisch ist diese Spalte nicht nachweisbar, neuerdings werden Spuren von Ethylen, Ethan und Methan um und unter dem Tempel diskutiert (vgl. ebd.: 12). Das Einatmen der berauschenden Dämpfe öffnete den Geist der Pythia für die Stimme der Mutter. Auf dem Dreifuß offenbarte sich Pythia den Urkräften der Erde mit Informationen zur gestellten Frage. Die von der Priesterin gespürten Erdkräfte inspirierten sie und versetzten sie in einen ekstatischen Zustand. Sie geriet in Trance, wobei sie ihren Körper verließ. In diesem überwältigenden Zustand war die Priesterin außer sich. In der höchsten Ekstase des Wahns war ihr Geist bereit, die göttliche Wahrheit zu sehen und in Versen auszudrücken. Der Dichter Pindar von Theben nannte sie »die Priesterin, die bei den goldenen Adlern des Zeus sitzt«, und »die delphische Biene« (Maaß 2007: 17). Ihr körperlicher Kontakt mit dem Allerhöchsten und das Aussprechen seiner Wahrheiten in Versen wurden von den Dichtern hoch geschätzt. Der poetischen Inspiration ist, wie wir gesehen haben, die göttliche Besessenheit zu verdanken, die für die Weissagekunst notwendig ist. Das Aussprechen von Botschaften geschieht in erster Linie durch den Empfang der Stimme von Mutter Erde, nicht über die Ohren, sondern durch die unmittelbare Hingabe des Körpers an die göttliche Stimme. Der Körper der Pythia ist das Bindeglied zwischen dem Fragenden und der Stimme der Mutter-Erde. Nicht umsonst sind es Frauen, die ihren Körper als Empfangsmedium zur Verfügung stellen. Misshandlungen und Gewalt gegen Priesterinnen waren keine Seltenheit. Aus diesem Grund wurden einige Maßnahmen ergriffen, z.B. die Beschäftigung älterer Frauen. Anfangs wurden auch junge Frauen eingesetzt. Da es später zu Übergriffen auf junge Pythien kam, wurden nur noch ältere Frauen in dieses Amt berufen. Nach Plutarch war die Misshandlung der Pythien der Grund für den Untergang des Orakels von Delphi (vgl. Plutarco 2007: 121-168).
4.2 Wahrsage: von Protomantis zu Chresmos
Der Körper der Pythia dient als Ohr für die göttliche Eingebung, die den Geist der Wahrsagerinnen in Wahnvorstellungen versetzt. An der Wahrhaftigkeit des Wahns ist nicht zu zweifeln. Ihr Wahn ist Erkenntnis. Nun müssen die göttlichen Wahrheiten ausgesprochen werden. Aber in welcher Form werden die wahren Botschaften ausgesprochen? Im antiken Griechenland und im Umfeld von Delphi gab es verschiedene Formen des Orakels. Neben Ja/Nein konnte auch die Bewegung von Lorbeerblättern abgelesen werden. Losentscheidungen gab es ebenfalls. Berühmt wurde Delphi aber durch seine Spruchorakel, in denen gefragt wurde: »Was ist besser und heilsamer zu tun?« (Giebel 2001: 15)
4.3 Sprachakt: Der locus Erde stimmt
Die Priesterinnen dienen dem Apollotempel, aber die Stimme der Mutter scheint die Antwort zu geben. Sie aber folgen der Stimme der Gottheiten, die aus dem locus des vergossenen Blutes der Mutter Erde spricht. Der locus Mutter-Erde ist die Stimme, die von den Ohren der Pythien empfangen und von ihren Stimmen in Töne verwandelt wird. Die Altphilologin Marion Giebel (2001: 27) sagt dazu, das »Singen von Versen« sei mit der Verkündigung des Orakels verbunden. Viele berühmte Prophezeiungen sind in Versen überliefert, meist in epischen Hexametern und jambischen Versen, auch in Triametern (vgl. ebd.). Plutarch stellt in seinem Dialog: Warum spricht die Pythia heutzutage nicht mehr in Versen?, einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden des Orakels und der Form der Verkündigung her. Er beklagt, dass die Botschaften der Priesterinnen nicht mehr in Versen vorgetragen werden. Die Prosaform der Orakelverkündigung sei jedoch kein Zeichen des Niedergangs. »Zwar habe es früher neben den Versorakeln auch Sprüche in Prosa gegeben. In früheren Jahrhunderten waren aber Versformen für jede Art literarischer Vermittlung weit verbreitet« (ebd.: 25). Die Pythien sollten aber auch in langer metrischer Prosa Auskunft geben, »wie Herodot in seinem Geschichtswerk anführt« (ebd.: 27). Die literarästhetische Qualität der Verse ging zugleich mit einem volkstümlichen, komödienhaften Stil einher.
Viele Orakelverse wurden als anrüchig und spöttisch empfunden, zumal manche Orakeltätigkeit wenig Ansehen genoss. In den Rittern des Aristophanes (V. 1037-8) finden wir eine Parodie mit komischer Überzeichnung typischer Züge: Eine Frau wird im heiligen Ethen einen Löwen gebären, der mit vielen Mücken für das Volk kämpfen wird (Maaß 2007: 18).
Die poetische Überhöhung kommt jedoch einer dunklen Rätselhaftigkeit gleich. Die meisten Antworten waren mehrdeutig formuliert. Tatsächlich waren die Weissagungen alles andere als klare Antworten auf Fragen. Die Weisheit der Aussagen lag vielmehr darin, dass sie die Fragen mit einem rätselhaften Satz beantworteten, der zur Selbstfindung des Auswegs führen konnte. Auf diese Weise gelang es den Priesterinnen, den Fragenden den Blick auf eine Lösung zu eröffnen, die im Problem selbst zu finden war. Es gehörte zum Orakelkult und entsprach der erzieherischen Aufgabe des delphischen Geistes, die Rätsel zu entschlüsseln. Seine Vieldeutigkeit war typisch für das delphische Orakel.
Es können einfache und kurze Sätze sein, z.B.: »Aber mir gefällt die Handvoll Körner besser, die mir der tapfere Mann der Hermine darbringt« (Parke/Wormell 1956: Nr. 242, zit. n. Giebel 2001: 51), für deren Verständnis aber die Auslegungskunst heranzuziehen war. Sie waren mehrdeutig, und die Botschaften mussten durch Interpretation entschlüsselt werden. Heraklit hat eine wichtige Bemerkung zu den pythischen Sprüchen (chresmos) hinterlassen: »Der Herr, dem das Orakel von Delphi gehört, sagt nichts, er verschweigt nichts, er deutet an« (ebd.: 25). Die Adressat:innen müssen die Botschaften interpretieren und die Rätsel deuten. Die Lehre der rätselhaften Orakel lag in der Deutung. Sie mussten interpretiert, d.h. von den Empfänger:innen entschlüsselt werden, um daraus eine Antwort abzuleiten. Die Zuhörer:innen übernahmen die Verantwortung für die Interpretation der Botschaft. Es war die ernsthafte kommunikative Ethik der Pythia, dass die Empfänger:innen selbst die Entscheidung trafen, was genau sie empfingen. Tragische Handlungen sind die Folge. Ein Beispiel dafür ist die von Herodot erzählte Geschichte des Koisos, der trotz Bejahung oder Verneinung des pythischen Orakelspruchs in eine Sackgasse geriet. Auf seine Frage erhielt er eine Antwort, deren Ausführung nicht die günstigste Lösung versprach. Trotz Annahme oder Ablehnung des pythischen Rates erwartete ihn ein düsteres Schicksal. Dieser Teufelskreis des Spruchs, der eigentlich die rätselhafte Frage in sich birgt, stellt den Fragenden vor eine doppelbödige Situation, die später in der spätarchaischen und frühklassischen Zeit als Tragödie bezeichnet wurde. Die Ödipustragödie thematisiert z.B. die Missachtung des Orakels durch den König von Theben, Laios.
5. Die Rekursivität ins Offene
Die Hermeneutik des Hörens
When we listen, we open ourselves
Glanville 2012: 170
5.1 Die Deutung der Sprüche und ihrer Aufschreibung
Aus der Quelle – den Orakeln von Delphi – wählt die jeweilige Empfängerin jene Informationen aus, die sie weitergibt. Die Priesterinnen geben die Asymmetrie der Orakelstimme in der gleichen offenen Form der Deutung an die Fragenden weiter, die wiederum aufgeschrieben oder deren Rätsel im Tempel aufgezeichnet wird. Die Inschrift in der Vorhalle des Apollotempels: »Erkenne dich selbst«, spiegelt den Geist von Delphi wider, der dem Orakel zugeschrieben wurde. Selbsterkenntnis und Selbstbescheidung haben eine doppelte Bedeutung: Zum einen warnen sie vor der Blindheit der Selbstüberschätzung, zum anderen liegt die Wahrheit im inneren Hören. Die Kunst des inneren Hörens ist gleichbedeutend mit der Kunst, die Sprüche Pythias zu deuten. Bekanntlich hat Sokrates diese Weisheit zum Prinzip einer mäeutischen Gnoseologie gemacht. Selbsterkenntnis ist das Wissen um die Weisheit Delphis, die in der Schrift über die Stimme der Mutter Erde, der Quelle, über die Stimme der Pythia bis hin zur Stimme der Philosophie vermittelt wird. Heinz von Foerster, Gregory Bateson und Glanville haben vor allem die Hermeneutik des Hörens sehr gründlich entwickelt und die Bedeutung der Kommunikation als soziales Agens auf das Zuhören und Aufnehmen ausgerichtet. Lernen geschieht ausschließlich durch Rezeption. Durch das Zuhören nimmt man am Kreislauf der Kommunikation teil. Glanville (ebd.: 168) sagt: »Wenn wir zuhören, können wir (unser Verständnis von) in das Verständnis der anderen einfließen lassen«. Auf diese Weise wird jede Partei gleichzeitig Sender und Empfänger. Jeder Teilnehmer an der Kommunikation empfängt und sendet. Das Empfangen ist ein aktiver Entscheidungsprozess, bei dem alle Beteiligten eine bewusste oder unbewusste Entscheidung darüber treffen, was sie annehmen und was nicht. »The receiving of this piece of information – is a piece of learning, and is demonstrated to be so by the fact that having received it, I am now changed and respond in a special way« (Bateson 2000: 249). Der Anfang der Kommunikation verweist auf eine Quelle, die nicht mehr als die Menge aller möglichen Botschaften gedacht werden kann. Die Quelle setzt die Asymmetrie der Botschaften voraus. Man kennt nicht und wird nicht die Quelle der Information kennen, sondern nur ihre Übermittlung durch den Mund der Priesterinnen. Die Asymmetrie der Information besagt bereits, so die pythische Weissagung, dass in den Worten von Heinz von Foersters (1996: 46) Hermeneutik des Hörens »der Hörer, nicht der Sprecher, die Bedeutung einer Aussage bestimmt«.
Es handelt sich um eine Asymmetrie der Information, die jedoch durch die Offenheit der Deutung gekennzeichnet ist. Die Wiederholung der rätselhaften Frage, das Reentry des Mysteriums in den Kommunikationskanal, öffnet wiederum die Interpretation für die Rezipient:innen.
5.2 Wenn die Pythien nicht mehr empfangen können: die versiegte Quelle
Die artikulierten Laute der Pythia wurden vermutlich von der Priesterschaft ›übersetzt‹. Die Priester waren für die Niederschrift der Laute Pythias zuständig (vgl. Friese 2012: 34) und übernahmen nun auch die Interpretation. Denn die »Delegationen der Städte und Könige mussten eine genaue schriftliche Formulierung der Antwort […] mit nach Hause bringen, was der Gott gesagt hatte« (Giebel 2001: 25). Wenn aber die rätselhaften Botschaften in einer diskursiven Kommunikationsform verschriftlicht und die zu deutenden Rätsel zu wissenschaftlichen Aussagen werden, die sich der Deutung verschließen, dann ist die Stimme der Mutter X nicht mehr in den Kommunikationskreislauf eingebunden und dieser endet im Stillstand.
Plutarch widmet ein ganzes Buch der Frage, warum die Pythier nicht mehr in Versen sprechen (vgl. Plutarco 2007). Dies sollte ein Argument für den Niedergang des Orakels von Delphi sein. Offenbar war das keine Ausnahme. Irgendwann war man nicht mehr in der Lage, die Stimme des Orakels zu empfangen.
Wenn die Empfänger:innen zerstört werden, versiegt die Quelle und die Kommunikation hört auf. Die Kommunikation endet, wenn es keine Empfänger:innen mehr gibt, die den Kreislauf der Kommunikation aufrechterhalten können. Am Anfang der Kommunikation steht der Empfang.
6. Mutter-Stimme: die Stimmer einer Asymmetrie, das Versagen der Anfänge
The argument presented is, that, for participation and connectedness to be possible, we need to learn to listen, and to value listening, rather than being ›giving our voice‹.
Glanville 2012: 165
Am Anfang war der Empfang des Wortes, dessen Sendung asymmetrisch bleibt, das aber den Kreislauf der Kommunikation, den Akt des Sprechens in Gang hält. Der Mund der Pythia, durch den die Stimme der Mutter Erde ertönte, stellte die Kommunikation dar, d.h. die Übertragung von Botschaften in der Empfangsbereitschaft. Das Übertragen der Stimme der Mutter Erde war dann vor allem ein Empfang.
Am Anfang war die Quelle, die unvollständige Menge aller möglichen Botschaften, aus der das ausgewählte Wort durch das Hören bzw. den Empfang markiert wird. Am Anfang war die Unwissenheit des Wortes, das nur durch seine Rezeption bestimmt wird und dessen Ungewissheit in den Kreislauf der Kommunikation zurückkehrt. Am Anfang war die Asymmetrie der Stimme Mutter-X, denen wir den Anfang der Geschichte des Wissens zu verdanken haben.
Anmerkungen
1 Schon die homerischen Hymnen aus dem siebten Jahrhundert v. Chr. berichten von den »schön fließenden Quellen« des Orakelheiligtums (Homerus 1976: Buch 22, V. 151). In der Folge gibt es Überlieferungen von Geschichtsschreibern wie Herodot (490/480-430/420 v. Chr), des Tragödiendichters Euripides (480-406 v. Chr.) und des Dichters Pindar (522-446 v. Chr.) bis zum im Römischen Reich lebenden Priester Plutarch (45-125 n. Chr.) und dem Reiseschriftsteller Pausanias (115-180 n. Chr.).
2 Laut Herodot (vgl. Herodot 1940: Buch 1, 51, zit. n. Friese 2012: 21) übertrafen im fünften Jahrhundert v. Chr. die Weissagungen Pythias jene aller anderen griechischen Orakelheiligtümer.
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