Editorial
Der vorliegende Band setzt das im letzten Jahr erprobte Format des Jahrbuchs fort. Erkennbar ist das wiederum nicht nur am erweiterten Umfang, sondern auch am Aufbau der aktuellen ZiG.
Federführend verantwortet von Esther Kilchmann und Nina Simon, ist Schwerpunktthema der diesmaligen Ausgabe das ambivalente Konzept ›Muttersprache/Native Speaker‹. Ansatzpunkt des gewählten interdisziplinären Zugriffs sind die daraus ableitbaren, insbesondere in migrantischen und postmigrantischen Gesellschaften als problematisch erfahrbaren homogenisierenden und exkludierenden Identitätsformationen. Ein Fehlschluss wäre allerdings, die verhandelte Thematik vor allem als linguistische Fragestellung zu verstehen, vielmehr geht es primär um die damit verbundenen hochwirksamen kulturellen Konzepte. Zu konzedieren ist: Trotz aller berechtigen Einsprüche gegen die Idee des Native Speakers und des native speakerism ist deren Kritikresilienz unübersehbar. Hier setzen die insgesamt neun Beiträge zum Schwerpunktthema an. Übergreifendes Ziel ist dabei nicht nur, die aufgeworfene Problematik auf methodischer bzw. theoretischer Ebene weiter zu diskutieren, vielmehr sollen zu einer vertieften Problemreflexion und zu Lösungsmöglichkeiten auch die hier vermittelten innovativen Ansätze und konkreten Fallstudien beitragen.
Die sich anschließenden sechs freien Beiträge reflektieren überwiegend Fragestellungen im Themenbereich Sprache, hier vor allem verstanden als Literatursprache, und auch sie interessieren sich für die damit einhergehenden ›kulturellen Querverbindungen‹. Das Spektrum reicht von der Übersetzungspraxis von Kafkas Prozess ins Japanische über eine Poetik der Störung in Koeppens Italienessays bis zu Fragen der Dysmorphophobie in Literatur und Psychologie 2000/1900.
Die Rubrik Forum beinhaltet einerseits einen Tagungsbericht zum diesjährigen IVG-Kongress in Graz. Das dort verhandelte Thema Krisenzeiten – Herausforderungen, Aufgaben und Chancen der internationalen Germanistik bedarf angesichts der Situation der internationalen Germanistik(en) keiner weiteren Begründung. Zum anderen beschäftigt sich ein zweiter Tagungsbericht mit einer Konferenz zum Thema Poetiken der Ähnlichkeit um und nach 2000. Persistenz und Produktivität einer Moderne-Figur im gegenwartsliterarischen Kontext, die im April an der Universität Freiburg veranstaltet wurde. Ziel war, die Potenziale, aber auch die Grenzen von Ähnlichkeit mit Blick auf die Literatur und die Gesellschaft auszuloten.
Der Rezensionsteil bietet vier Besprechungen zu Neuerscheinungen im Bereich der germanistischen Interkulturalitätsforschung. Wie üblich schließt das Heft, gewissermaßen ›in eigener Sache‹, mit der Rubrik Gesellschaft für interkulturelle Germanistik. GiG im Gespräch widmet sich vor allem dem (auch) für unser Fach hochrelevanten Thema Wissenschaftsdiplomatie.
Amelie Bendheim, Till Dembeck, Dieter Heimböckel, Georg Mein, Gesine Lenore Schiewer und Heinz Sieburg
Bayreuth und Esch-sur-Alzette im November 2025