Beatrice Occhini: Der Adelbert-von-Chamisso-Preis zwischen Inklusion und Exklusion. Mehrsprachigkeit und Interkulturalität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
Tübingen: Narr Francke Attempto 2025 – ISBN 978-3-7720-8775-2 – 78,00 Euro
https://doi.org/10.14361/zig-2025-160123
Der Adelbert-von-Chamisso-Preis wurde von 1985 bis 20171 an 78 Autor*innen verliehen, von denen viele inzwischen nicht nur als ›Chamisso-Autor*innen‹ bekannt sind, sondern auch zum Kanon der Gegenwartsliteratur zählen. Wie der über dreißig Jahre bestehende Preis eine gleichnamige ›Chamisso-Literatur‹ begründet und das literarische Feld selbst verändert hat, zeigt Beatrice Occhini in ihrer überaus lesenswerten Studie Der Adelbert-von-Chamisso-Preis zwischen Inklusion und Exklusion. Mehrsprachigkeit und Interkulturalität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (2025). Darin zeichnet Occhini »die Öffnung der deutschsprachigen Literatur für Autor:innen, die zwar auf Deutsch schreiben, aber einen vielfältigen kulturellen und sprachlichen Hintergrund haben, sowie die Anerkennung ihrer Werke als Bestandteil des deutschsprachigen Raumes« (11) nach. Dabei geht die Verfasserin von der These aus, dass sich an der Geschichte des Chamisso-Preises die Reaktionsmechanismen des deutschen Kulturraums auf die Herausforderungen der demographischen und soziokulturellen Pluralisierung aufzeigen lassen (vgl. ebd.). Rückblickend auf ein Deutschland, das nicht anerkennen wollte, dass es ein Einwanderungsland ist, untersucht Occhini die Inklusions- und Exklusionsprozesse von Autor*innen, die damals als ›ausländische Autor*innen‹2 galten, heute hingegen mit anderen Begriffen oder schlichtweg als deutschsprachige Autor*innen bezeichnet werden. Damit greift sie Debatten und Diskurse auf, die nicht nur als literaturhistorischer Gegenstand eine Untersuchung wert sind – auch für das gegenwärtige literarische Feld und die Literaturwissenschaft sind diese Fragen, Begriffe und Entwicklungen wesentlich. Die Verfasserin arbeitet vielfach mit Archivmaterial zum Chamisso-Preis aus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach und ermöglicht so weitere Einblicke in dessen Texte und Kontexte.
Die Studie geht von der grundsätzlichen Ambivalenz aus, die den Chamisso-Preis charakterisierte: auf der einen Seite die Inklusion von Autor*innen in den deutschen Literaturbetrieb, denen diese Zugehörigkeit zuvor nicht immer zugestanden wurde – auf der anderen Seite die gleichzeitige Exklusion aus der deutschsprachigen Literatur durch die Markierung mit einer Art ›Nischenpreis‹. Dass die Studie immer auch die Kritik am Preis miteinbezieht, macht ihre Qualität aus: Gerade im Abwägen zwischen den beiden Tendenzen können die Probleme wie Verdienste des Chamisso-Preises präzise herausgearbeitet werden.
Trotz der unbestrittenen Bekanntheit des Chamisso-Preises liegt abgesehen von einer Masterarbeit bisher keine monographische3 Studie zu ihm vor (vgl. 18), was die Leerstelle markiert, von der Occhinis Forschung ausgeht. Den Chamisso-Preis und die Chamisso-Literatur untersucht die Verfasserin aus einer mindestens dreifachen Perspektive: literarisch, literatursoziologisch und kulturwissenschaftlich – und auch literaturhistorisch, könnte man hinzufügen. Literatursoziologisch nimmt die Studie eine Einordnung ins literarische Feld vor, analysiert die Geschichte des Chamisso-Preises, die Kontexte, die Strukturen und die Positionen der Beteiligten. Aus einer literarischen Perspektive untersucht sie Meilensteine der Chamisso-Literatur anhand der 2000/10 respektive 2016 ausgezeichneten Autorinnen Terézia Mora und Uljana Wolf. Das kulturwissenschaftliche Interesse setzt an der zuvor benannten Ambivalenz zwischen Inklusion und Exklusion an sowie an den Dynamiken, die über den Chamisso-Preis und die Chamisso-Literatur hinausgehen. Die Autor*innen, die zu einer Chamisso-Literatur gezählt werden, wurden bislang unter verschiedenen Terminologien verhandelt: als ›Gastarbeiterliteratur›, ›Ausländerliteratur‹ oder interkulturelle Literatur, wie auch Occhini herausarbeitet. Anstelle eines neuen Begriffs, der diese Kategorisierung lediglich im neuen Gewand fortführen würde, nimmt die Studie einen Perspektivwechsel vor:
Anstatt von den Merkmalen auszugehen, die diese Veröffentlichungen zu Beispielen eines neuen literarischen Phänomens machen würden – eine problematische Wahl aufgrund der Überschneidung zwischen der Biographie der jeweiligen Autor:innen und ihrer literarischen Produktion –, beobachtet die vorliegende Studie, wie ihre Präsenz im deutschen literarischen Raum rezipiert und kanonisiert wurde. (17)
Diese Rezeptionsdynamiken untersucht die Verfasserin auch im Rückgriff auf Immacolata Amodeos wegweisende Studie »Die Heimat heißt Babylon«. Zur Literatur ausländischer Autoren in der Bundesrepublik Deutschland von 1996, die mit Bezügen zu vor allem Michel Foucault, aber auch Pierre Bourdieu ein Analysemodell entwickelt hat, um die diskursiven Konstruktionen zu untersuchen, durch die ›ausländische Autor*innen‹ bis dahin germanistisch rezipiert wurden (vgl. 18). Auch Occhini arbeitet mit Foucaults Diskursbegriff, um ›Ausländerliteratur‹ als Diskursgegenstand zu untersuchen. Vor allem von Bourdieus Feldtheorie ausgehend lasse sich, so die Verfasserin, »der Chamisso-Preis als die erste und wichtigste ›Konsekrationsinstanz‹ für ›Ausländerautoren‹ betrachten, die in ihrem Einflussbereich einen neuen Diskursgegenstand definiert und einen neuen literarischen Raum umschrieb, der hier als Chamisso-Literatur bezeichnet wird.« (25; Hervorh. i.O.)
Die Verfasserin rekonstruiert die Entwicklung dieser Literatur und arbeitet dabei zentrale Wendepunkte heraus, die nicht nur die Debatten der Zeit betreffen: Sie nimmt ästhetische Innovationen in den Blick, insbesondere rund um literarische Mehrsprachigkeit. Obwohl dieser Aspekt neben dem Themencluster rund um Fremdheit, Inklusion und Exklusion aus der interkulturellen Literatur(wissenschaft) hinlänglich bekannt scheint, gelingt es Occhini, über ihren innovativen Ansatz und die erkenntnisreiche Analyse eigene Akzente zu setzen. Denn die Verfasserin versteht Mehrsprachigkeit nicht nur als formalen, sondern auch als ethisch-poetologischen (vgl. 15) Aspekt.
Der Großteil der Studie (Kapitel 1-4) widmet sich dem Chamisso-Preis und der Chamisso-Literatur, im letzten Kapitel erfolgt eine exemplarische Analyse von Terézia Moras und Uljana Wolfs Werk.
Das erste Kapitel untersucht die Wurzeln der Chamisso-Literatur in der ›Gastarbeiterliteratur‹ und ›Ausländerliteratur‹ im Zeitraum 1955 bis 1985 und nimmt dazu die Geschichte des Polynationalen Kunstvereins (1980-1987), die Verlagsgruppe Südwind-Gastarbeiterdeutsch (1980-1987) und die Forschungs- gruppe von Harald Weinrich (1979-1985) am Institut für Deutsch als Fremdsprache der Ludwig-Maximilians-Universität in München in den Blick. Während Autoren wie Franco Biondi, Carmine Gino Chiellino und Rafik Schami unter dem Banner der ›Gastarbeiterliteratur‹ »möglichst autonome Publikations- und Verbreitungskanäle« schaffen wollten, »über die sie ihre eigenen Texte und diejenigen anderer ›ausländischer‹ Autor:innen drucken konnten« (35), verfolgte Weinrichs Forschungsgruppe ein anderes Programm, um unter dem Begriff ›Ausländerliteratur‹ Anthologien zusammenzustellen (vgl. 59, 62).
Eine wichtige Figur dieser Zeit ist Franco Biondi, dessen erste Gedichtsammlung Nicht nur gastarbeiterdeutsch (1979) und auch Prosatexte die Verfasserin für ihre Überlegungen heranzieht. Einleuchtend argumentiert Occhini, dass die sprachlichen Experimente des Bandes in den 1980er Jahren zwar keine Resonanz gefunden hätten (vgl. 41), aber »den hybriden Stil von Emine Sevgi Özdamar und die subversive Sprache von Feridun Zaimoğlu um mehr als ein Jahrzehnt vorweg[nahmen]« (32).
Das zweite Kapitel widmet sich dem Chamisso-Preis und der Entstehung der Chamisso-Literatur, den Konsekrationsmechanismen des Preises und der neu geschaffenen Position im deutschsprachigen literarischen Feld. Darauf aufbauend beleuchtet das dritte Kapitel die Entwicklung und Rezeption dieser Chamisso-Literatur von 1985 bis heute, die literaturwissenschaftliche Rezeption und das sich wandelnde Paradigma von Interkulturalität zu Transkulturalität. (Der aktuellere Begriff des Postmigrantischen wird auch immer wieder kurz aufgegriffen, es findet aber keine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem Konzept statt.) In diesen Wandel einbegriffen ist auch das Konzept der Mehrsprachigkeit, das heutzutage »nicht mehr in erster Linie als Vehikel für die Forderungen von Minderheiten oder für den Ausdruck von Migrationsgedächtnis [gilt], sondern vielmehr als eine der Schreibweisen der zeitgenössischen globalisierten Gesellschaft.« (110)
Das vierte Kapitel untersucht die konzeptuellen Entwicklungen des Chamisso-Preises bezüglich der Kriterien Herkunft und Sprache, die letztliche Abschaffung des Preises und auch die Reaktionen darauf von einigen Preisträger*innen. Mit den Ergebnissen des letzten Kapitels zum Chamisso-Preis selbst legitimiert die Verfasserin schließlich auch ihren Forschungsgegenstand: Der Preis verhandelte paradigmatisch, was ›deutsch‹ an der deutschsprachigen Literatur sei und in seiner Untersuchung würden eben diese Aushandlungsprozesse deutlich werden (vgl. 142).
Das letzte Kapitel wendet die bisherigen Untersuchungsergebnisse zum Chamisso-Preis und zur Chamisso-Literatur exemplarisch auf Terézia Mora und Uljana Wolf an. Die Auswahl der Autorinnen begründet Occhini mit der literarisch komplexen Reflexion von Fremdheit – was sicherlich auch noch auf andere Autor*innen zuträfe. Wie die Verfasserin hervorhebt, markieren beide Schriftsteller*innen aber auch Entwicklungssprünge des Chamisso-Preises, dessen Auswahlkriterien von der Gründung bis zur Abschaffung immer wieder angepasst wurden, da Mora »die erste Autorin einer extraterritorialen deutschsprachigen Minderheit« ist, »während Wolf die erste Preisträgerin ist, die allein aufgrund ihrer literarischen Produktion und nicht aufgrund ihrer Biographie ausgezeichnet wurde« (27), selbst also keine familiäre Migrationsgeschichte oder Mehrsprachigkeit aufweist. Diese Entscheidung für Mora und Wolf mit dem doppelten Fokus auf Herkunft/Fremdheit und (Mehr‑)Sprachigkeit stellt sich in der Analyse insofern als plausibel heraus.
Die Analyse erfolgt anhand des jeweils eigenen Bezugs der Autorin zur Sprache, der Einbettung in die Chamisso-Literatur und ausgewählter literarischer Beispiele: von Terézia Mora der Erzählband Seltsame Materie (1999) und der Roman Alle Tage (2004), von Uljana Wolf die Gedichtbände kochanie ich habe brot gekauft (2005), falsche freunde (2009) und meine schönste lengevitch (2013). Gerade die Entwicklung von Uljana Wolfs Gedichten von einer mehrsprachigen zu einer translingualen Lyrik vollzieht die Analyse anschaulich nach.
Das kurze Fazit führt die Ergebnisse der Studie zusammen: die Rekonstruktion der Geschichte des Chamisso-Preises, zu dem die Analyse der kulturellen und literarischen Mechanismen des dazugehörigen Diskurses ebenso gehört wie die Öffnung des deutschsprachigen Literaturbetriebes. Occhini resümiert:
Der Weg des Preises lässt sich […] im Licht der beiden Paradigmen interpretieren, mit denen die zeitgenössische deutschsprachige Gesellschaft beschrieben wurde, nämlich der postmigrantischen und postmonolingualen Ausrichtungen. […] Der unbestreitbare Verdienst des Chamisso-Preises liegt darin, einen kritischen Raum eröffnet zu haben, in dem diese zentralen Fragen sichtbar und diskutierbar wurden. (227)4
Die in der Studie angeführten Chamisso-Autor*innen eint, so wird deutlich, neben der rezeptionsbedingten Positionierung im Feld der Chamisso-Literatur vor allem der Anspruch auf einen autonomen poetischen Gebrauch der Sprache (vgl. 223) – was sie mit den meisten Autor*innen gemein haben. Diesen Anspruch versteht die Verfasserin als roten Faden des Chamisso-Preises, denn: »Ein experimenteller Sprachgebrauch setzt einen Akt der eigenständigen Aneignung voraus und steht daher im direkten Zusammenhang mit der Position, die nicht-deutsche Autor:innen innerhalb des literarischen Raums einnehmen.« (42)
Insgesamt arbeitet Beatrice Occhini grundlegende Entwicklungen und Kontexte des Chamisso-Preises heraus und setzt dabei eigene, überzeugend begründete Schwerpunkte. Zu den zentralen Erkenntnissen gehört, dass die Kategorisierung als ›Ausländerliteratur‹ ein Rezeptionsphänomen darstellt und sich nicht aus einer angeblichen thematischen Einheit der literarischen Texte ergeben hat. Stattdessen lassen sich subversive Schreibweisen und Merkmale wie Hybridität und Mehrsprachigkeit über die Jahrzehnte hinweg und auch unabhängig von der Herkunft der Chamisso-Autor*innen nachweisen. Die Öffnung des deutschsprachigen Literaturbetriebs für eine vielfältige Gesellschaft und Literatur, die sich am Chamisso-Preis abzeichnet, erfolgte allmählich und nicht ohne Widerstände – es brauchte Vorläufer*innen wie Franco Biondi, Carmine Gino Chiellino, Emine Sevgi Özdamar und Feridun Zaimoğlu, die genauso wie andere deutschsprachige Autor*innen eine eigene Ästhetik entwickelten: »Es war also gerade die ungeachtete mehrsprachige Poetik der 1980er und die kritisierte und skandalöse mehrsprachige Poetik der 1990er Jahre, die den Widerstand des Literaturbetriebs brach.« (110)
Die gewinnbringende Studie erzeugt letztlich eine umfassende Basis für Anschlussforschung und nimmt trotz des Überblickscharakters – der dem großen Umfang der Chamisso-Literatur geschuldet ist – aufschlussreiche Tiefenbohrungen vor.
Anmerkungen
1 Der 2018 gegründete Chamisso-Preis/Hellerau ist nicht Gegenstand der Analyse.
2 Die Studie verwendet ›Ausländer‹ und andere davon abgeleiteten Begriffe mit einfachen Anführungszeichen aufgrund der historischen Relevanz der Begriffe und weil anhand von ihnen zentrale Debatten verhandelt wurden (vgl. 16). Diese Begründung ist überzeugend, da sie nicht einen anderen Begriff verwendet, um diese (literatur)historischen Debatten zu verdecken, sondern genau diese kritisch zu reflektieren. Gemeint sind Autor*innen, die nach der Definition des Statistischen Bundesamtes einen Migrationshintergrund besitzen.
3 In Form von Aufsätzen besteht dennoch ein Forschungsstand zum Chamisso-Preis und der Chamisso-Literatur, auf den Occhini sich vielfach bezieht.
4 Mit dem Begriff ›postmonolingual‹ bezieht sich die Verfasserin auf Beyond the Mother Tongue: The Postmonolingual Condition (2012) von Yasemin Yildiz.