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Zeitschrift für interkulturelle Germanistik - 16. Jahrgang, 2025: Muttersprache / Native Speaker – Interdisziplinäre Verhandlungen eines ambivalenten Konzepts: Krisenzeiten – Herausforderungen, Aufgaben und Chancen der internationalen Germanistik. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG) vom 21. bis 27. Juli 2025 an der Karl-Franzens-Universität Graz (Thomas Schwarz)

Zeitschrift für interkulturelle Germanistik - 16. Jahrgang, 2025: Muttersprache / Native Speaker – Interdisziplinäre Verhandlungen eines ambivalenten Konzepts

Krisenzeiten – Herausforderungen, Aufgaben und Chancen der internationalen Germanistik. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG) vom 21. bis 27. Juli 2025 an der Karl-Franzens-Universität Graz (Thomas Schwarz)

Krisenzeiten – Herausforderungen, Aufgaben und Chancen der internationalen Germanistik

Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik (IVG) vom 21. bis 27. Juli 2025 an der Karl-Franzens-Universität Graz

Thomas Schwarz

Nachdem sich 2024 bereits die Tagung der Gesellschaft für interkulturelle Germanistik (GiG) in Seoul in einem noch überschaubaren Rahmen mit Krisendiskursen befasst hatte, folgte nun der 15. Kongress der 1951 gegründeten IVG zu einem ähnlichen Thema mit etwa 1100 Referaten. Der 14. IVG-Kongress in Palermo hatte wegen der Coronakrise nicht im gewohnten Fünfjahresrhythmus stattfinden können, er wurde auf das Jahr 2021 verschoben. Zwei Drittel der Teilnehmenden waren damals online präsent. Das Organisationsteam unter IVG-Präsident Arne Ziegler (Graz) hat die Entscheidung, auch 2025 Vorträge per Zoom zuzulassen, ins Ermessen der 66 jeweils trinational zusammengesetzten Sektionsleitungen gestellt. Das bot diesen die Chance, flexibel auf das Problem zu reagieren, dass Akademikerinnen und Akademiker aus dem Globalen Süden bei Kongressreisen immer wieder mit Schwierigkeiten bei der Visavergabe konfrontiert werden. IVG-Mitglieder an US-amerikanischen Universitäten wären 2025 darüber hinaus das Risiko eingegangen, dass ihnen beim Rückflug die Wiedereinreise verweigert wird. Aus diesem Grund betonte Sven Werkmeister (Bonn) in seinem konzisen Grußwort für den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) ganz zu Recht die Bedeutung der IVG für einen freien interkulturellen Austausch über Grenzen hinweg. Er erklärte, dass die Auseinandersetzung mit Sprache und Literatur einen Reflexionsraum von diplomatischer Relevanz in krisenhaften Zeiten eröffne.

In seinem Eröffnungsvortrag über Sprache als Resonanzraum der aktuellen Krisen setzte der Linguist Albrecht Greule (Regensburg) auf Bildung als Waffe gegen Fake News. Er forderte von der Germanistik eine Krisendiskursanalyse, die Narrative von der Finanz- bis zur Flüchtlingskrise und die Krisenkommunikation in den internationalen, auch mit militärischer Gewalt ausgetragenen Konflikten der Gegenwart kritisch aufarbeitet. Da im Programm Plenarvorträge parallel angesetzt waren, kann der Bericht nur eine Auswahl vorstellen. Die Präsentation von Stephanie Catani (Würzburg) thematisierte die Krise menschlicher Kreativität in Literatur und Literaturwissenschaft vor dem Hintergrund der zunehmenden Kollaboration mit generativer Künstlicher Intelligenz, in der sich Autorschaft aus dem Verfassen von Prompts ableitet. Ein weiterer Plenarvortrag der Medienwissenschaftlerin Franziska Heller (Halle-Wittenberg) war den Krisen der Bildergeschichte(n) in der digitalen Kommunikationskultur gewidmet. Angesichts der zunehmenden Propaganda mit digital bearbeiteten Bildern verlangte Heller die Ausbildung eines digitalen Quellenbewusstseins und einer visual literacy. Zwar gab es keinen Plenarvortrag, der auch den Umgang mit der ökologischen Krise des Klimawandels problematisiert hätte, doch wurde über das Anthropozän in verschiedenen Sektionen des Kongresses diskutiert.

Klaus Kastberger (Graz) rückte in seinem informativen Plenarvortrag den Austragungsort des Kongresses und seine literarische Kultur in den Mittelpunkt des Interesses. Die lokale Kleine Zeitung hatte für Graz anlässlich der Verleihung des Bachmann-Preises an Nava Ebrahimi und des Büchner-Preises an Clemens J. Setz den Titel »Hauptstadt der Literatur« reklamiert. Zur Stärkung dieser Position, gemäß der sich Graz nicht mit der literarischen Zweitrangigkeit gegenüber Wien abfinden will, konnte Kastberger darüber hinaus noch andere lokale Größen wie Barbara Frischmuth, Peter Handke, Gerhard Roth, Alfred Kolleritsch, Reinhard P. Gruber und Werner Schwab anführen. Er machte aber auch darauf aufmerksam, dass ein Reiseführer im Jahr 1939 Graz zur »Trutzburg gegen die Slaven« und als »Stadt der Volkserhebung« gefeiert hatte. In Thomas Bernhards Drama Heldenplatz figuriert Graz, wie Kastberger ausführte, als »Nazinest«, in dem »niemand gewesen sein« müsse. Im Abendprogramm las Clemens J. Setz im Literaturhaus der Stadt aus seinem Graz-Romanprojekt. Unterhaltsam berichtete er unter anderem von makabren Knochen, die bei Bauarbeiten auf dem ehemaligen Pestfriedhof zutage befördert wurden. Um die Ambivalenz der Grazer Stadtgeschichte greifbar zu machen, könnte die literarische Archäologie des im Entstehen begriffenen Romans dann auch auf die antisemitischen Pogrome im Gefolge der Pest eingehen.

Festlicher Höhepunkt des Kongresses war die Verleihung des mit 10.000 Euro dotierten Jacob- und Wilhelm-Grimm-Preises. Die Preisträger werden seit 30 Jahren vom Beirat Germanistik des DAAD ausgewählt. In der diesjährigen Vergaberunde hatte er sich auf den Germanisten Albert Gouaffo von der Universität Dschang (Kamerun) geeinigt. Gouaffo hat sich unter anderem in der aktuellen Restitutionsdebatte mit Provenienzforschung zu Raubkunst aus Kamerun einen Namen gemacht. Eine postkoloniale Germanistik in Afrika hat aus seiner Perspektive die Aufgabe, als »Hebel der Dekolonialisierung« zu wirken. Der mit 3000 Euro dotierte Förderpreis ging an Elaine Cristina Roschel Nunes von der Universidade Federal de Santa Catarina in Brasilien für ihre Forschung über das Mentoring in der Ausbildung im Fach Deutsch als Fremdsprache. Die Kongressakten mit Kurzfassungen der Einzelvorträge sollen im Verlag der Universität Graz (open access) publiziert werden. Als neuer Präsident der IVG wurde der ehemalige Grimm-Preisträger Paulo Soethe (Curitiba) gewählt, der nun die Aufgabe hat, den 16. IVG-Kongress im Jahr 2030 in Rio de Janeiro zu organisieren.

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