Mutter- oder Ammensprache?
Sprache, Nation und Kindererziehung um 1800
AbstractMost medical, pedagogical and literary depictions of first language acquisition up to the nineteenth century are centered around the figure of the wet nurse. The belief in the transmission of physical, moral and even linguistic features from the wet nurse to the infant not only through a long and intimate contact, but also through milk itself, features prominently in rhetorical and linguistic texts. From 1750 onwards, advances in paediatric medicine combined with new trends in childrearing contributed to the general adoption of maternal breastfeeding. The present paper investigates the relationship between wet nursing practices in first language acquisition and the transition towards maternal breastfeeding and a national conception of the mother tongue. For linguists and pedagogues around 1800, both the rejection of wet nursing and the revindication of the pure language of mothers are an integral part of the project of a national language.
TitleMother Tongue or Nurse Tongue? Language, Nation, and Childrearing around 1800
Keywordslanguage acquisition; breastfeeding; German literature; wet nurses; mother tongue
In den meisten europäischen Sprachen ist Muttersprache (mother tongue, langue maternelle, lingua materna, madrelingua, llengua materna, lengua materna) ein nicht nur politisch, sondern auch affektiv beladener Begriff. Zwar ist sie eine ideologische Konstruktion, die imstande ist, ein gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl hervorzubringen. Sie ist aber zeitgleich ein privates Archiv frühkindlicher Erinnerungen und familiärer Affekterfahrungen, die auf die Entdeckung der Welt und des Ichs durch den Erwerb der Erstsprache zurückgehen. In diesem Sinne könnte behauptet werden, dass unsere Vorstellung der Muttersprache vom einzigartigen Idiolekt jeder Mutter geprägt sei (vgl. Tabouret-Keller 2004: 22). So stellt der persönliche baby talk der Mutter keine bloße Informationsübertragung her, sondern eine vitale Verbindung zum Kind. Neben dieser intimen Erfahrung des Kontakts mit dem Körper und der Stimme der Mutter evoziert die Bezeichnung Muttersprache ebenfalls eine kollektive Ebene, die auf eine geistliche (Mater Ecclesia) bzw. politische (mère patrie) Gemeinschaft anspielt. Kurzum befindet sich Muttersprache im zeitgenössischen Sinne an der Nahtstelle zwischen öffentlichem, oft nationalem Diskurs und, so Spivak (2012: 285), »the most private thing, touching the very interiority of the heart«.
Die meisten Beschreibungen vom Spracherwerb bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert sind aber bemerkenswerterweise nicht von der Figur der Mutter, sondern von jener der Amme beherrscht. Wie natürlich ihre Verkörperung familiärer Affektivität und sprachlicher Gemeinschaft auch scheint, wurde die Bezeichnung Muttersprache erst im späten Mittelalter belegt, d.h. an der Schwelle einer Wende in der politischen und sprachlichen Geschichte Europas. Aber auch lange nach der Entstehung – oder besser: Erfindung – der Muttersprache war die Amme eine randständige Figur, die sich oft zwischen sozialen, kulturellen und religiösen Grenzlinien bewegte. Sie war immer noch die allererste Lehrerin einer ›Ammensprache‹, die häufig die einsprachige Stasis störte und zudem alternative Loyalitäten hervorrufen könnte.
Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, das Verhältnis zwischen den früheren, auf die Figur der Amme zentrierten Sprachentwicklungspraktiken einerseits und der Durchsetzung des mütterlichen Stillens sowie der Entstehung eines nationalstaatlich aufgeladenen Begriffs der Muttersprache ab 1750 andererseits zu untersuchen. Der erste Teil gibt einen Überblick über den Einsatz von Ammen und deren sprachdidaktische Funktionen seit der Antike. Der zweite Teil konzentriert sich auf Deutschland vom 17. Jahrhundert bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er zeigt auf, wie die Ablösung der Ammentradition durch das mütterliche Stillen von einer neuen normativen bzw. nationalen Auffassung von Körper und Sprache begleitet wurde. In beiden Fällen richtet sich unser Fokus auf die kritisch-theoretische Auseinandersetzung mit diesen Praktiken durch männliche Denker, Rhetoriker, Linguisten und Pädagogen. Persönliche Berichte von Ammen zu diesen Sprachentwicklungspraktiken liegen leider nicht vor.
1.
Der Einsatz von Ammen fürs Stillen von Säuglingen und Kleinkindern war seit der Antike bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert in Europa üblich.1 Ammen wurden nicht nur bei Erkrankung oder Tod der Mutter bzw. fehlender Milchsekretion als Notersatz eingesetzt, sondern auch als – nicht immer von der Mutter selbst gebilligte – Alternative zum mütterlichen Stillen, besonders bei adligen und bürgerlichen Familien. Dafür kamen verschiedene Gründe in Frage, darunter ästhetische, sexuelle – Geschlechtsverkehr während der Stillperiode galt in Europa längst als Tabu – und, vor allem, gesellschaftliche: Die Unterdrückung des Eisprungs durchs Stillen verhinderte weitere, für die dynastischen Interessen der Adligen und Bürgerlichen entscheidende Schwangerschaften. Der Einsatz von Ammen konnte im Gegensatz dazu eine größere Zahl Erben begünstigen. Dies war zu einer Zeit mit hoher Kindersterblichkeit umso wichtiger (vgl. Yalom 1997: 70). Die Popularität der Ammen machte sie zudem zu Statussymbolen bei den Oberschichten (vgl. Shahar 1992: 71).
Für die Ammen dagegen galt diese Beschäftigung als natürliches – wenngleich nicht ganz sicheres – Empfängnisverhütungsmittel, als zusätzlicher Verdienst oder gar als psychologischer Trost nach dem Tod eines eigenen Babys (vgl. Haas 1998: 99). Aber die Rolle der Ammen beschränkte sich nicht aufs Stillen. Nebenbei sollten sie sich um die Versorgung, das Wickeln, die Bewachung und die Erziehung der Neugeborenen kümmern. Zudem sollten sie mit dem Kind spielen, Wiegenlieder singen und kurze Wörter langsam und distinktiv aussprechen. Kurzum, die Ammen waren für die gesamte physische, geistige und sprachliche Entwicklung des Kindes in seinen ersten Lebensjahren zuständig (vgl. Fildes 1988).
Die Ammen spielen schon in einigen der ältesten literarischen Texte, die bis zu unserer Zeit erhalten geblieben sind, eine bedeutende sprachliche Rolle. In der »Homerischen Hymne an Aphrodite« erklärt die als junge Phrygierin verkleidete Liebesgöttin ihrem geliebten Anchises, dass sie dank ihrer trojanischen Amme (ihrer τροφός) griechisch genau so gut sprechen kann wie phrygisch:
Eure Sprache beherrsch’ ich so gut wie die eigene Sprache, weil eine troische Amme mich aufzog, solang ich ein Kind war (meine Mutter hatte für mich sie mit Sorgfalt erkoren). Daher verstehe ich jetzt vollkommen auch eure Sprache (Homer 2017: vv. 113-116).2
Dieser Auszug, der zwischen dem 7. und dem 5. Jahrhundert v. Chr. datiert, stellt zusätzlich zur Ammenthematik nach Vincenzo Rotolo (vgl. 1972: 378) die allererste Anspielung auf Mehrsprachigkeit in der griechischen Literatur dar. Daraus lässt sich die These formulieren, dass die Geschichte der Mehrsprachigkeit in der Literatur mit einer Amme beginnt.
Im zitierten Text ist der Fremdspracherwerb gleichsam ein Nebenprodukt der Herkunft der Ammen. Obwohl in diesen Fällen Fremdsprachunterricht wohl nicht zu den Aufgaben der Ammen zählte, kann man den frühkindlichen Spracherwerb als Indiz für einen sehr engen physischen und emotionalen Kontakt interpretieren. Durch diesen Kontakt, der sich oft weit über die Kindheit erstrecken konnte, wurde beim Kind eine unauflösliche, zugleich affektive und sprachliche Bindung zur Amme und deren Volk verinnerlicht.
Neben dieser Art des Spracherwerbs als passiven Ergebnisses des Einsatzes von Ammen betonen verschiedene Sachtexte seit der Antike das aktive Auftreten der Ammen in der frühkindlichen Erst- und Fremdsprachentwicklung. Dieser Rolle wurde nicht nur in der pädagogischen und medizinischen Literatur, sondern auch in der Rhetorik erhebliche Aufmerksamkeit gewidmet. Schon im ersten Kapitel des ersten Buches der Institutio Oratoria hebt Quintilian die entscheidende (schon durch die einleitenden Wörter »ante omnia« unterstrichene) Funktion der Ammen in der rhetorischen Erziehung hervor: Sie sollten »[v]or allen Dingen« ein Beispiel eines richtigen grammatischen (»recte«)3 und fehlerfreien (ohne »vitia«) Sprachgebrauches für den Säugling setzen:
Vor allem darf die Sprache der Ammen nicht fehlerhaft sein, hat doch für diese Chrysipp, wenn möglich, philosophische Bildung gefordert, jedenfalls aber gewünscht, man sollte hierfür, soweit es die Verhältnisse erlaubten, die allerbesten Frauen auswählen. Und zweifellos hat auch hier die Rücksicht auf ihre guten Sitten den Vorrang; jedoch sollen sie auch einwandfrei sprechen! Ihr Sprechen wird ja der Knabe zuerst hören, ihre Worte nachzusprechen versuchen. Und von Natur halten wir am beharrlichsten fest, was unser Geist im frühsten Entwicklungsstadium in sich aufgenommen hat. [...] So soll sich das Kind, zumal es das Sprechen erst lernt, nicht erst an eine Sprache gewöhnen, die es wieder verlernen muß! (Quintilianus 2015: I 1, 4f.)4
Wenn man Quintilians Institutio Oratoria als »pädagogisches Programm« (Stockhammer 2014: 46) versteht, so beginnt dieses mit der natürlichen Nachahmung (imitatio) der Amme. Sie ist die allererste einer ganzen Reihe von Lehrenden der Redekunst, in der erst später die Eltern (vgl. Quintilian 2015: I 1, 6f.), dann der paedagogus (vgl. ebd.: I 1, 8) und der praeceptor (vgl. ebd.: I 2f.) folgen, bevor das Ausdrucksvermögen schließlich durch den grammaticus (vgl. ebd.: I 4-9) und den rhetor (vgl. ebd.: II) zur Vollendung gebracht wird. Die lebenslange sprachliche Bildung der Rhetorik entscheidet sich also mit dem ersten Kontakt mit der Amme.5
Die fürs Mittelalter kennzeichnende Diglossie zwischen Latein und Volkssprache löste sich in die sogenannte erste ökolinguistische Revolution Westeuropas auf (vgl. Baggioni 1997: 73), die explizit auf volkssprachige Einsprachigkeit zielte. Diese Entwicklungen wurden von einer neuen Bezeichnung für Volksvarietäten begleitet: ›Muttersprache‹ (vgl. Batany 1982). Diese wurde ab dem 12. Jahrhundert zu einer allgemeinen Metapher, die das ästhetische und politische Potenzial von Volkssprachen im affektiven Bereich der Mutter prägnant verkörperte, und zwar in einem Kontext der Entwicklung des Kultus Marias und der Ikonographie der stillenden Gottesmutter (vgl. Ahlzweig 1994: 26f.; Bonfiglio 2010: 72f.).
Bei zahlreichen mittelalterlichen und frühmodernen Schriftstellern, wie bereits zuvor auch bei Quintilian und Soranos, wurde jedoch das Erlernen der Erstsprache explizit als Nachahmung der Amme dargestellt. Dazu kam der damals weit verbreitete Glaube, dass Ammen den Säuglingen ihre physischen, moralischen und sogar sprachlichen Merkmale nicht nur durch einen langen und engen Kontakt, sondern auch durch ihre Milch selbst weitergeben könnten (vgl. Fildes 1988: 20). Milch wurde in der Tat lange als Nebenprodukt des Gebärmutterbluts verstanden, und als solche konnte sie, genauso wie das Blut, bestimmte Charakterzüge und sogar physische Merkmale (Haar- und Hautfarbe, Größe, Schönheit) übertragen.6
In diesem Sinne wurden Ammen (und deren Milch) vor allem als Repositorium der Volkssprache betrachtet. So wurde dieser randständigen Figur (balia, nutrice, nodriza, nourrice, nurse) im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit eine gleichzeitig politische und ästhetische Hauptrolle zugewiesen, zum einen als Vermittlerin der neu entstehenden Nationalsprachen und zum anderen als erste Lehrerin der schon damals literarischen Volkssprachen. Die zentrale Funktion der Ammen in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sprachreflexion wurde bereits im ersten Kapitel des von Dante im frühen 14. Jahrhundert verfassten De vulgari eloquentia hervorgehoben. In den ersten Zeilen seiner auf Lateinisch geschriebenen Verteidigung der Muttersprache definiert Dante (2007: I 1, 2) die Volkssprache als »diejenige […], an die sich die Kinder durch die Pflegenden gewöhnen, sobald sie beginnen, Laute zu unterscheiden; oder um es noch kürzer zu sagen: Wir nennen jene Sprache Volkssprache, die wir ohne jegliche Regel durch Nachahmen der Amme annehmen«.7 Der durch Nachahmung gelernten regellosen ›Ammensprache‹ gegenüber steht ein »Sprechen zweiter Art« (Dante 2007: I 1, 3),8 die »gramatica« [sic] (Dante 2007: I 1, 3), die nur durch mühsames Lernen erworben werden kann.
2.
Wie in anderen westeuropäischen Ländern wurde auch in Deutschland die Sprachreflexion durch die Präsenz der Ammen stark geprägt. Bereits in der Frühen Neuzeit bezeugen die rhetorischen Schriften etwa von Johann Matthäus Meyfart eine ähnliche Zweiteilung – und ebenfalls paradoxerweise auf Latein – zwischen der erstrangigen, aus der Milch der Ammen eingesaugten Sprache und einer zweitrangigen, nur aus den Büchern zugänglichen, künstlichen Sprache. »Unsere Sprache, die wir nicht aus den Büchern bekamen, sondern aus der Natur nahmen; nicht von einem Lehrer lernten, sondern von der Amme herausschöpften; nicht in den Schulen wahrnahmen, sondern in den Wiegen mit der Milch tranken« (Meyfart 1628: 444; Übers. T.E.B.).9
Die Ammenmetaphorik führt in diesen Fällen zu einer Aufwertung der Volkssprache und konsequent zu einer Inversion der gängigen Prestigeordnungen in der europäischen Sprachökologie. Die bessere Sprache sei die, die man aus der Natur selbst – in diesem Falle mit der Amme gleichgesetzt – organisch einsauge. Die Milchmetaphorik schwankt allerdings zu diesem Zeitpunkt zwischen dem Körper der Amme und dem der Mutter – z.B. modifiziert Meyfart später in seinem Teutschen Rhetorica. Oder Redekunst dieses Bild, um neben denen der Amme auch die »Brüst[e] der Mutter« (Meyfart 1634: 2) einzuschließen.10
Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der Einsatz von Ammen in Deutschland weit verbreitet. 1724 berichtet die hamburgische Zeitschrift Der Patriot »von der unglaublichen Anzahl der Saeug=Ammen, die in dieser Stadt befindlich« waren (o.A. 1724: 53). »Diese sind insgemein junge unverheirathete Frauen«, die »fast in allen Häusern gehalten, und […] grosse Höflichkeit, Pflege und Belohnungen [geniessen]« (ebd.). Der Patriot schätzte »auf viertausend« die Anzahl »solcher Fontainen, die von Milch ohne Unterlaß rinnen« (ebd.). Die Zeitschriftenverfasser warnten übrigens vor »den verschiedenen und verborgenen Samen der Zanck=Sucht, der Niederträchtigkeit, des Aberglaubens, […] welchen […] die armen Kinder mit ihrer Nahrung einsaugen« (ebd.).11 Vor allem verkörperten die Ammen in diesem Kontext eine moralische Gefahr für die adligen und bürgerlichen Werte.
Diesen Risiken zum Trotz wurden die fremdsprachlichen Kompetenzen der Ammen besonders nachgefragt. Der Jurist Johann Peter von Ludewig empfahl, dass man
heut zu tage […] den Kindern einer Teutschen Mutter eine Frantzösin zur Ammen oder Kinder=Mume zu dem ende gebe, daß das Kind von den ersten Milch=Jahren an zwey Sprachen zugleich, nehmlich von der Mutter und andern die Mutter=sprache und der Ammen oder Hofmeisterin das Französische lerne. […] [D]as [ist] das sicherste mittel […], Kindern noch unter sieben Jahren fremde Sprachen von der ersten Mutter=milch an beyzubringen, das ist zu einer Zeit, da der Kinder ihr Gedächtniß noch leer und nicht von andern sachen angefüllet, da die Kinder begierig, alles nachzumachen; da sie am meisten geschwätzhafftig immer plaudern wollen. (Ludewig 1719: Bd. II, 1411f.)
Ab 1750 trugen jedoch die Fortschritte in der Pädiatrie und vor allem Rousseaus Plädoyer für eine ›natürliche‹ Erziehung entscheidend zur allgemeinen Durchsetzung des Stillens durch die Mutter bei. Der Einfluss dieser Ideen erstreckte sich weit über die Kindererziehung und -medizin hinaus, indem das Verhältnis zwischen Nation und Bürger, besonders nach der Französischen Revolution, hauptsächlich als eine affektive Mutter-Kind-Beziehung konzipiert wurde (vgl. Taylor Allen 1991; Jacobus 1992), und dies zu einer Zeit, in der sich das die vermeintliche Unaustauschbarkeit der ersten Sprache betonende »monolinguale Paradigma« (Yildiz 2012: 2) etablierte.
Die von Ludewig befürwortete zweisprachige Erziehung (Muttersprache/Ammensprache), die noch zu unseren Zeiten in Gestalt der Au-pairs ein Stück weit erhalten geblieben ist, wurde aber bald von einer neueren Theorie und Praxis in der Erstsprachentwicklung abgelöst, die ihren expliziten Verzicht auf jede Amme (egal ob fremde oder heimische) aus moralischen, gesundheitlichen und, vor allem, patriotischen Gründen rechtfertigte. Schon Rousseaus Émile (1762) und dessen Ideen zu einer natürlichen Erziehung schlossen neben der expliziten Aufwertung des Stillens durch die Mutter die Beschränkung der sprachdidaktischen Ansprüche der Ammen (nourrices) ein, denn sie sollten keinesfalls »[das Kind] ohne Unterlaß durch einen Schwall unnützer Worte betäuben, von denen es nichts versteht, als den Ton, den sie darauf legt« (Rousseau 1789: 250).12 Die Erziehung ›à la Jean-Jacques‹, die auch in Deutschland alamodisch wurde, fand Widerhall in einer heimischen Literatur, die die Rolle der Mutter bei der Ernährung, moralischen Erziehung und dem Spracherwerb des Kindes in den Vordergrund stellte und dies sogar als patriotische Pflicht verstand. Dies geschah zudem in einem europäischen Kontext, in dem die medizinische Literatur einerseits eine erhöhte Sterblichkeit bei nichtstillenden Wöchnerinnen, bei ihren mit Ammenmilch ernährten Kindern und schließlich bei den eigenen Kindern der Ammen festgestellt hatte und das Bevölkerungswachstum andererseits als das Hauptziel der volkswirtschaftlichen und militärischen Ansprüche der Regierungspolitik galt (vgl. Lindemann 1981: 380; Sussman 1982: 28f.). So wurde das Stillen durch die Mütter zur Staatsangelegenheit, als der Pionier der Sozialmedizin Johann Peter Frank (1792: 168) im Jahr 1780 den Wunsch äußerte, dass »sich die Vorsteher des Staats selbst sorgfältig darum bekümmern« sollten, dass die Mütter selbst stillten.
Dass die Debatten um Kinderernährung und -erziehung eine zentrale Bedeutung im ausgehenden 18. Jahrhundert erlangten, bezeugt u.a. die Tatsache, dass dieses biopolitische Plädoyer fürs mütterliche Stillen im Jahr 1794 im Allgemeinen Landrecht für die Preußischen Staaten (ALR) seinen rechtlichen Ausdruck fand: »Eine gesunde Mutter ist ihr Kind selbst zu säugen verpflichtet. […] Wie lange sie aber dem Kinde die Brust reichen solle, hängt von der Bestimmung des Vaters ab« (ALR Teil II Abschnitt 2 §§ 67f.).
Mithin wurde der Mutter eine erstrangige patriotische Rolle – wenngleich unter männlicher Aufsicht – in der Erziehung der zukünftigen Soldaten und Arbeitskräfte des Vaterlandes zugeteilt, und dies zu einer Zeit, in der Mutter-Kind-Beziehungen zum Muster organischer Gesellschaftstheorien wurden. »Die Familie«, so Esther Kilchmann (2009: 19),
bildet eine Komplementäreinheit zur Nation, insofern sie um 1800 als rechtshistorische und sittliche Grundlage des Staates begriffen wird und als solche auch zum Ausgangspunkt für die sich neu formierenden wissenschaftlichen Diskurse über den Menschen wie Pädagogik, Medizin und Anthropologie avanciert.
Das sich an der Schnittstelle nicht nur dieser Disziplinen, sondern auch einer national gerichteten Sprachreflexion bildende Projekt einer ›Bio-sprach-politik‹ plädiert konsequent für eine im Körper der Mutter verankerte Einsprachigkeit. Besonders nach den sogenannten Befreiungskriegen richtet sich dieses Projekt gegen den fremden Körper der französischen Amme. So soll die durch das Ausschließen der fremden Amme erlangte Einheit der deutschen Familie auch den ersten Schritt auf dem Weg zu einer einheitlichen nationalen Kultur markieren.
Die Ausgrenzung der Körper der Amme aus sprachlichen Gründen wird auch im Kontext der körperlichen Bildung des Kindes thematisiert. In einem Exkurs über die »Turnsprache« formuliert Friedrich Ludwig Jahn 1816 eine lange Polemik gegen »Wälschsucht« (Jahn 1816: xx) und »Wortmengerei« (ebd.: xxi). Schuld daran, so Jahn, sei die ›Beraubung‹ der Muttersprache durch die fremde Amme. In deutlichem Gegensatz zu Johann Peter von Ludewigs Ideen zu zweisprachiger Erziehung im vorangegangenen Jahrhundert plädiert Jahn für eine einsprachige Familie, in der die fremde »Sprachamme« endlich durch die deutsche »Sprachmutter« ersetzt werden könnte: »Leider können alle Klagen und Reden dagegen nichts helfen, so lange die Deutschen Kinder in ihrer Kindheit geflissentlich um ihre Muttersprache betrogen werden; so lange man den Kindern die Sprachmutter raubt, und ihnen eine fremde Sprachamme gewaltsam aufdrängt« (ebd.: xxf.).
Betrachtet man die Sprachreflexion ab 1800 genauer, erkennt man, dass es – im deutlichen Gegensatz zu früheren Epochen – die Mütter sind, die als fast ausschließliche Hauptfiguren in Darstellungen des Erstspracherwerbs auftreten. So stellt Jacob Grimm (1864: 409) 1819 in einer Diskussion gegen Jean Pauls Projekt der Sprachreinigung »die abweichungen und unregelmäszigkeiten der grammatik« als organisches Kernstück der Individualität der deutschen Sprache als Erbe der Mütter dar: Sie sind »theils angeborene geberden und Mienen, theils mäler, narben und sommerflecken, an denen sich unser volkstamm vertraulich erkennt. Gerade sie verleihen jeder Sprache das unlernbare Heimathliche, was mit der Muttermilch gesogen werden und jedwedem Ausländer fremd bleiben muss« (ebd.).
Die Übertragung der Merkmale durchs Stillen, die zu diesem Zeitpunkt schon lange als wissenschaftlich fraglich galt, funktioniert bei Grimm vielmehr als prägnantes rhetorisches Dispositiv, das Sprache, Nation, Familie und Körperlichkeit in einer vertrauten organischen Konstellation zusammenfasst. Ältere Vorstellungen tauchen hier wieder in einem neuen, national orientierten Kontext auf, aus dem schließlich auch einheimische Ammen verbannt werden sollten.
In der Einleitung zu seiner Theoretisch-praktischen deutschen Grammatik nimmt Johann Christian August Heyse das alte humanistisch-volkssprachige Motiv der Ammensprache wieder auf, um es sozusagen auf den Kopf zu stellen. Am Anfang der »Zeit der Wiedergeburt unserer Deutschheit«, die auf einer genealogischen Zeitvorstellung basiert, sei die »Muttersprache«, so Heyse (1814: 33), »das schätzbarste Vermächtnis unserer Voreltern« und der »[sicherste] Hoffnungsgrund einer desto festern Wiedervereinigung und Genesung unserer durch das Schwert eines Barbaren blutig zerrissenen Völkerschaften«. Die Muttersprache befindet sich aber nicht mehr in der Milch der Amme, sondern im neuen Kulturbegriff der »Bildung des Geistes«: »Wer bey sonstiger Bildung des Geistes ihre gründliche Erlernung vernachlässigt und sich nicht schämt, sie, gleich seiner gewesenen Amme, unrein und unrichtig zu sprechen – wer sie verachtet, der verachtet auch seine Nation und ist nicht werth, ein Deutscher zu heißen« (ebd.; Hervorh. i.O.). In diesem Kontext des Übergangs von mehrsprachiger Erziehung (einschließlich Dialektformen) zur einsprachigen »Bildung des Geistes«, in dem Hochdeutsch zunehmend als Metonymie für das Schulsystem wahrgenommen wurde, trat die Muttersprache bei Heyse aus dem Bereich der natürlichen Nachahmung und Körperlichkeit der Amme heraus, um sich mit der (überwiegend männlichen) geistigen Norm zu identifizieren.
So war die Muttersprache in der Sattelzeit ein höchst ambivalenter Begriff, der zwischen Familie und Nation, Unregelmäßigkeit und Norm, Körperlichkeit und Bildung und nicht zuletzt patriarchal dominierten Diskursen und weiblichen Metaphern schwebte. Aber die Muttersprache war zeitgleich auch durch frühere, damals sogar durch staatliche Verordnungen unterdrückte Erziehungspraktiken geprägt: In der explizit national orientierten Sprachreflexion der Sattelzeit wurde die Muttersprache ständig von der phantasmagorischen Präsenz einer fremden oder einheimischen Ammensprache irritiert und gleichzeitig weitergetrieben.
Anmerkungen
1 Der Geschichte der Ammen und ihrer Rolle in der Kindesentwicklung und in der Gesellschaft wurden seit den 1970er Jahren, besonders seit der Entfaltung der Gender Studies, zahlreiche Studien gewidmet. Siehe dazu u.a. Fildes 1986 u. 1988; Yalom 1997; Arena u.a. 2023.
2 Im Original: »γλῶσσαν δ᾽ ὑμετέρην τε καὶ ἡμετέρην σάφα οἶδα. / Τρῳὰς γὰρ μεγάρῳ με τροφὸς τρέφεν: ἣ δὲ διαπρὸ / σμικρὴν παῖδ᾽ ἀτίταλλε, φίλης παρὰ μητρὸς ἑλοῦσα /ὣς δή τοι γλῶσσάν γε καὶ ὑμετέρην εὖ οἶδα«.
3 Später wird Grammatik als »recte loquendi scientia« definiert (Quintilianus 2015: I 4, 2).
4 Im Original: »Ante omnia ne sit vitiosus sermo nutricibus: quas, si fieri posset, sapientes Chrysippus optavit, certe quantum res pateretur optimas eligi voluit. et morum quidem in his haud dubie prior ratio est, recte tamen etiam loquantur. Has primum audiet puer, harum verba effingere imitando conabitur, et natura tenacissimi sumus eorum quae rudibus animis percepimus. […] non adsuescat ergo, ne dum infans quidem est, sermoni qui dediscendus sit«.
5 Ammen konnten zu römischen Zeiten nicht nur Latein unterrichten, sondern auch prestigeträchtige Fremdsprachen. Für die zweisprachigen römischen Eliten des 2. Jahrhunderts setzte Soranos von Ephesos (vgl. 1927: II 9) in seinem in Rom auf Griechisch verfassten Lehrbuch der Gynäkologie voraus, dass die Amme eine Griechin sein müsse, damit das Kind sich an den besten Akzent gewöhnen könne (II. 9). Wie könnten denn die römischen Kinder die griechische Sprache besser als bei einer Native-Speaker-Amme lernen? Siehe dazu Dasen 2010.
6 Dem starken Misstrauen gegenüber dem Gebrauch von Tiermilch bei Säuglingen liegt ebenfalls dieser Glaube zugrunde (vgl. Fildes 1986: 53-55).
7 Im Original: »eam qua infantes assuefiunt ab assistentibus cum primitus distinguere voces incipiunt; vel, quod brevius dici potest, vulgarem locutionem asserimus quam sine omni regola nutricem imitantes accipimus«.
8 Im Original: »locutio secundaria«.
9 Im Original: »Lingua, quae nostra est, quam non ex libris accepimus, sed a natura arripuimus, non a magistro didicimus, sed a nutrice hausimus, non in scholis percepimus, sed in cunis cum lacte ebibimus«.
10 »Dann ob zwar die Teutschen jhre Sprach nicht aus den Büchern suchen / sondern aus der eingepflantzten Natur nehmen; Nicht von dem Meister studiren / sondern von den Ammen lernen; nicht in den Schulen aus dem Munde der Lehren fassen / sondern in der Wiegen aus den Brüsten der Mutter saugen« (Meyfart 1634: 2).
11 Siehe dazu auch Lindemann 1981.
12 »Je ne désapprouve pas que la nourrice amuse l’enfant par des chants et par des accents très gais et très variés; mais je désapprouve qu’elle l’étourdisse incessamment d’une multitude de paroles inutiles auxquelles il ne comprend rien que le ton qu’elle y met« (Rousseau 1980: 293).
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