Kafkas phantastische Literatursprache
Eine Studie zur japanischen Process-Übersetzung
AbstractNumerous translations of Franz Kafka’s The Trial were published in Japan between 1950 and 2015, a selection of which forms the corpus of the following study. In comparison with contemporary research into The Trial in German-speaking countries, this article compares translations of selected text passages. The central question is how Japanese translation history relates to the fantastic narrative style in Kafka’s The Trial.
TitleKafka’s Fantastic Literary Language: a Study of Japanese Translations of The Trial
KeywordsFranz Kafka (1883-1924); The Trial; intercultural literature; literary translation; German literature
1. Einleitung
Die Arbeit am Process1 begann am Vorabend des Ersten Weltkriegs und zur Zeit der Auflösung der Verlobung von Franz Kafka und Felice Bauer, im Sommer 1914. Bekanntlich wurde der Roman nie abgeschlossen und erst 1925 postum von Max Brod veröffentlicht. Hinsichtlich der Kapitelreihenfolge des Fragments ist überliefert, dass Kafka zuerst das Anfangs- und Schlusskapitel schrieb. Ebenso lassen sich über Tagebucheinträge der Anfang des ›Mutter‹-Kapitels (8.12.) und ein Teil des ›Dom‹-Kapitels (13.12.1914) datieren.2 Darüber hinaus können nur schwer gesicherte Erkenntnisse ermittelt werden, womit der Process bis heute wohl zu den literatur- und editionshistorisch kontroversesten Texten Kafkas zählt.
Die kulturellen Querverbindungen zwischen Kafkas Schrift und Leben, die Editions- und Interpretationskontroversen seiner Texte provozieren zahlreiche, nach wie vor ungeklärte Fragen bezüglich des textgenetischen Fortgangs seines gesamten Schreibprozesses. Ihre wissenschaftliche Erörterung darf als ein Beispiel für die ohnehin kontroverse Geschichte der Edition im 20. Jahrhundert verstanden werden.3 Zumindest erweckt die bis in die Gegenwart anhaltende Diskussion um die Textdarbietung den Eindruck, »als ob der Streit um die Frage, wie Kafka zu interpretieren sei, inzwischen auf die Frage, wie er zu edieren sei, übergegriffen habe – und dies zumal im Falle des Proceß« (Wittbrodt 1999: 131; Hervorh. i.O.).
Dessen Editionsgeschichte steht nicht im Zentrum dieses Beitrags, berührt diese jedoch insofern, als ihre Diskussion einen wirkmächtigen Einfluss auf die internationale Process-Rezeption ausübte: Zahlreiche Übersetzungen sind zwischen 1950 und 2015 auf dem japanischen Buchmarkt erschienen, eine Auswahl bildet den Korpus der kommenden Untersuchung.4 Im Abgleich mit der aktuellen Process-Forschung im deutschsprachigen Raum sollen die Übersetzungen zentraler Textstellen miteinander verglichen werden.5 Dabei lautet die Fragestellung, welcher Strategien sich die japanische Übersetzungsgeschichte bedient, um phantastische Erzählelemente in Kafkas Process in die Zielsprache zu übertragen.
Um diese komplexe Frage befriedigend beantworten zu können, wird 1.) ein Forschungsbericht die Notwendigkeit übersetzungswissenschaftlicher Einzelstudien im Zusammenhang der interkulturellen Kafka-Forschung herausarbeiten. Es folgt 2.) eine Erörterung zur erzähltheoretischen Relevanz von literarischer Phantastik im Zuschnitt des Process-Fragments. 3.) Ihre Auswertung geht dann der Frage nach, inwieweit die Übersetzungen in die phantastische Erzählstruktur vom Process-Ausgangstext eingreifen, diese erhalten oder gar auflösen. Dabei werden semantische und syntaktische Abweichungen zwischen Übersetzungen gezielt benannt und ihre Konsequenzen für die Interpretation diskutiert.
2. Kafkaübersetzung im Kontext von Mehrsprachigkeit und Interkulturalität
Die Mehrsprachigkeit und Interkulturalität in Kafkas Biographie und Schreiben rückte in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus der Kafkaforschung.6 Explizit gehen zwei Konferenzbände der spezifischen Bedeutung von Franz Kafka im Kontext interkultureller und -nationaler Bezüge nach. Diese sind der von Harald Neumeyer und Wilko Steffens herausgegebene Band der Reihe Forschungen der Deutschen Kafka-Gesellschaft: Kafkas Betrachtung. Kafka interkulturell (2013) sowie der 2019 veröffentlichte Tagungsband Franz Kafka im Interkulturellen Kontext (Höhne/Weinberg 2019).
Neben den regionalen Bezügen und der Pluriethnizität, Plurikulturalität und Mehrsprachigkeit der Metropole Prags stehen die Bezüge für Kafkas Schreiben durch Autorinnen und Autoren anderer Länder im Zentrum der versammelten Beiträge. Geographische Unterschiede in der Populärrezeption sowie die Ausdifferenzierung von Mythenbildungen und historischer Biographie des Schriftstellers Kafka werden genauso berücksichtigt wie der Transfer ausgewählter Interpretationsansätze zwischen den Germanistiken in Deutschland und anderen Ländern.7
Diese Neuausrichtung der Kafkaforschung auf ihre außereuropäische Rezeption korrespondiert mit den aktuellen Desideraten, die sich aus der interdisziplinären Annäherung zwischen Literatur- und Translationswissenschaft ergeben und das Arbeitsgebiet der Germanistik deutlich erweitert haben. Probleme und Fragestellungen zur Übersetzung folgen demgemäß der Einsicht einer dynamisch fluiden Verflechtung deutschsprachiger Literaturen mit eigen- und fremdkulturellen Traditionen (vgl. Kelletat 1995; Mecklenburg 2008), deren Erforschung im Sinne von einer »Poetiken der Interkulturalität« (Patrut 2021: 9-23) auch der kulturellen Vielfalt deutschsprachiger Literaturen gerecht wird.8 Dieser Neuausrichtung müssten nun nach Apel/Kopetzki (vgl. 2003: 55) und Dembeck (vgl. 2018: 523) dringend empirische Studien zur mehrsprachigen Beziehung und Übersetzung deutschsprachiger Literatur folgen.
Es wird somit vorgeschlagen, die Process-Übersetzung und ihre Geschichte im Lichte einer kulturwissenschaftlichen Übersetzungsforschung zu betrachten, die sprachlich grammatische Stilmerkmale im Kontext von institutionellen Entscheidungen und Wissenskulturen untersucht. Damit wäre auch ein Beitrag zur wichtigen Frage geleistet, ob kulturspezifische Lesarten überhaupt existieren.
Für die Process-Übersetzung gilt insbesondere, dass die Übersetzung von Kafkas Literatursprache zur Interpretationsaktivität von Leserinnen und Lesern einladen soll. Ihre Übertragung ins literarische Mehrdeutige und Vage – allgemeinsprachlich ins ›Kafkaeske‹ – ist somit die Bedingung für eine angemessene Übersetzung von Kafkas Literatursprache. Dem Attribut des Phantastischen kommt dabei eine wichtige Rolle zu.
3. Der Process
Zur Übersetzung phantastischer Erzählweisen
Bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hatten Interpretationen Konjunktur, die das Verhalten und das gewaltsame Ende von Josef K. mit der Schuld bzw. Unschuld oder der Frage nach Sinn und Gerechtigkeit der Bestrafung zu erklären suchten.9 Verknüpft wird das Problem mit der literarischen Funktion des Gesetzes und seiner numinosen Legitimation im Romanfragment. Besonders im ›Dom‹-Kapitel sind anklingende Elemente einer epiphanieähnlichen numinosen Erfahrung unübersehbar: »Glanz« (KKAP: 294, 301) bricht aus der »Türe des Gesetzes« (KKAP: 294), heißt es beispielsweise. Das Bild von den Toren des Gesetzes, in die ein Mensch eintreten kann, erscheint womöglich als rätselhaft; traditionell gebildeten jüdischen Leserinnen und Lesern mit Kenntnissen aus der jüdischen Mystik und der kabbalistischen Tradition jedoch ist dieses Bild durchaus vertraut (vgl. Grözinger 2019). Zudem ruft ein vormoderner Türhüter Erinnerungen an prämoderne Figuren und Erzählmuster in Erinnerung.
Demgegenüber steht nun die gesamte Bürokratie, die sich um das Gericht versammelt hat, darunter Figuren wie der karriereorientierte Prokurist, die – zumindest dem Namen nach – wohlangepasste Vertreter einer vermeintlich modernen Welt darstellen. Die Modellierung dieser beiden ambigen Welten ist nach Engel (vgl. 2019) charakteristisch für Kafkas Erzählungen. Die »phantastischen Elemente verbinden sich […] zu einer zusammenhängenden Gegenwelt« (ebd.: 66). Im Process wäre dies die der Realität eindeutig widersprechende Gerichtswelt.
Ein zentraler Zug von vielen Erzähltexten Kafkas − den man mit gleichem Recht und gleicher Problematik als ›phantastisch‹ und ›parabolisch‹ beschrieben hat − besteht darin, dass die Textwelten zu einem wesentlichen Teil aus reifizierten Metaphern konstruiert sind, also aus Metaphern, die innerhalb der fiktionalen Welt keinen metaphorischen Status mehr haben, sondern schlicht und einfach ›wirklich‹ sind. Das gilt im Prinzip bereits für Urteil und Verwandlung. Im Process hat Kafka aber erstmals den ›phantastischen‹, antirealistischen Erzählbereich zu einem eigenständigen und eigengesetzlichen zweiten Wirklichkeitsbereich ausgestaltet, der dem wiedererkennbar-›realistischen‹ Teil der Romanwirklichkeit auf seltsame Weise eingeschachtelt ist. (Engel 2010: 195)
Ein weiteres phantastisches Moment liegt in der realistischen Erzählung absurder Objekte, verwirrender Beziehungen und überdehnter Metaphern, Widersprüche oder abstrusen Parallelisierungen. Realistisches Erzählen wird bei Kafka insofern ins Absurde gewendet, als der Erzählfluss Dinge, die kausal nicht zusammengehören, sprachlich miteinander verbindet und diese überraschend von der personalen Erzählinstanz auch noch kommentarlos als normale Realität akzeptiert werden.10
Rehberg (vgl. 2007) erklärt dieses Phänomen in Kafkas Texten nicht mit dem Ausgang von phantastischen Traditionen, sondern von komischen Theorien. Dennoch ist auch Rehbergs Ansatz vom Nichtverstehen Kafkas als Schlüssel einer erfolgreichen Lektüre anschlussfähig als bewusster Widerstand gegen jede hermeneutische Aneignung und mit der Aufforderung zur nicht endenden Aktivität des Lesens: »Kafkas Texte werden lesbar als Allegorien ihrer Unlesbarkeit[.] […] Der Lesende wird zum Reisenden, als Lesender, der der Unlesbarkeit ausgesetzt ist, bleibt er nicht. […] Lesen ist eine Reise, eine Bewegung, die kein zu Hause kennt.« (Ebd.: 92)
Für eine literarische Übersetzung gilt allgemein, dass sie die Herausforderung bewältigen muss, mit Scheinentsprechungen, Polysemien und unterschiedlichen Synonymie- und Homonymierelationen, Wortfelddifferenzierungen und kulturellen Konnotationen sowie Wortspielen zu arbeiten. Für die Übersetzung von Kafkas Process-Fragment gilt im Besonderen: Je eindeutiger die Übersetzung das Uneindeutige und Widersprüchliche in der Process-Literatursprache auflöst, umso stärker entpuppt sich die Übersetzung selbst als ein Verlustgeschäft auf Kosten der literarischen Phantastik bei Kafka.
Mit Hilfe von vier Beispielen wird dieser Gattungs- und Rollenkonflikt auf der Ebene der Titelübersetzung (3.1) und der mehrdeutigen Gesetzessemantik (3.2) diskutiert. Die instabile Erzähler-Figurenbeziehung wird zum Diskussionsgegenstand anhand eines sehr berühmten Grammatikproblems (3.3), außerdem soll die schwierige Autor-Übersetzer-Diskussion erörtert werden (3.4).
3.1 Befund eines Paradigmenwechsels? Die Titelübersetzungen
Acht Übersetzungen des Process-Romans seit 1950 konnten für die vorliegende Studie ermittelt werden (vgl. Anhang 1). Dabei zeichnet sich seit 1999 ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel in der Titelgebung11 ab: Bis dahin hat sich in der japanischen Übersetzungstradition die Kanji-Übersetzung審判 [shinpan] durchgesetzt und gehalten. Neben ihrer juristischen Bedeutung von »das Entscheiden; das Urteil, die Entscheidung […]; das Gericht, das Verfahren, der Prozess« (Stalph 2022: 1033) kommt dieser Schriftzeichenkombination eine weitere, religiöse Bedeutung zu. Demnach wird [shinpan] auch verwendet für das ausschließlich christliche »(Straf‑)Gericht (Gottes)« oder »das Jüngste Gericht« (ebd.).
2009 und 2015 erscheinen dann zwei weitere Übersetzungen (Kafka 2009; 2015) auf dem Buchmarkt mit einer semantisch auffälligen Verschiebung im Titel: Nun wird das Romanfragment mit 訴訟 [Soshō] betitelt. Dessen Bedeutungsfeld ist als Kompositum im japanischen rechtssprachlichen Kontext breit vertreten, angefangen vom »Gerichtsverfahren« und der »Verfahrensordnung« und den »-kosten« über die »Streitsache« bis zur »Normen-« oder »Schadensersatzklage« (Stalph 2022: 1366f.). Nur den religiösen Aspekt, der mit der [Shinpan]-Übersetzung stark gemacht wird, sucht man vergebens. Die beiden letztgenannten Titel scheinen sich vom religiösen Deutungsaspekt der Process-Forschung – und damit von der Brodinterpretation (vgl. Kafka 1946) – zu distanzieren. So erklären Tawada/Kawashima (vgl. Kafka 2015: 770) in der jüngsten Übersetzung ihre editorische Entscheidung mit der notwendigen Wahrung der Interpretationsoffenheit vom Process: Seit 1940 habe sich mit der Übersetzung von Motono (vgl. Kafka 1953) weitestgehend die [Shinpan]-Übersetzung durchgesetzt. Diese jedoch impliziere mit der im christlich religiösen Kulturkontext verwendeten Formulierung [saigo no shinpan] (»das Letzte Gericht«) eine gottgewollte Erlösung aus der hermeneutischen Unauflösbarkeit der Process-Auslegung. Mit der Wahl auf [Shinpan] fände eine Verengung des Bedeutungs- und Interpretationskorridors statt und werde eine vermeintliche Finalität suggeriert, die ihr Ende in der religiösen Vollstreckung des Prozessurteils besiegelt (vgl. Kafka 2015: 770).
Der zweite Übersetzer, Okazawa (vgl. Kafka 2009: 393), beruft sich auf die von Reuß und Staengle 1997 veröffentlichte Faksimileausgabe (vgl. FKA). Ihm zufolge läge der Reiz der Lektüre nicht in der Bedeutungssuche im Textprodukt, sondern im Nachvollzug und rezeptiven Nacherleben von Kafkas Schreibprozess (vgl. FKA: 24). Reuß begründet diesen Ansatz folgendermaßen:
Da wir den Zweck seines Schreibens nicht so genau kennen und die überlieferten Dokumente, die Hinweise auf den Schreibakt geben, eher darauf hindeuten, dass Kafkas Schreiben im Schreibvorgang selbst, nicht in dessen Resultat, dem Text, einem Werk, sein Telos hatte, wird man sich auf die Intention des Autors […] kaum berufen können. (Reuß 1998: 24; Hervorh. i.O.)
Statt eines konstituierten Textes erstellt die Historisch-Kritische Ausgabe (vgl. FKA) Faksimiles von Kafkas Handschriften mit einer diplomatischen Umschrift als Lese- und Entzifferungshilfe. Damit bezweckt die Ausgabe bewusst, den hermeneutischen Zirkel um Edition und Interpretation zu verlassen, indem die Trennung zwischen Text und Manuskript aufgehoben und die Handschrift als unmittelbares Objekt ästhetischer Erfahrung zur Geltung gebracht werden soll. Das Geschriebene macht somit dem Schreibprozess Platz und enthierarchisiert die Literatur von Kategorien wie Gültigem bzw. Verworfenem.
Auf der Grundlage dieser Befunde allein verbietet es sich natürlich, von einem Paradigmenwechsel in der japanischen Process-Übersetzung zu sprechen. Durchaus aber kann festgehalten werden, dass es innerhalb dieser Übersetzungstradition divergierende Lese- und Kommentarkulturen gibt, die den editionshistorischen Verlauf auf dem deutschsprachigen Buchmarkt aufmerksam beobachten und seine Diskussionen in ihre Übersetzungen einfließen lassen. Offenbar wurde das Bedürfnis erkannt, die Offenheit in den Interpretationsmöglichkeiten und das Lesen in Optionen um den Process zu wahren. Eine Verengung auf einen christlichen religiösen Ansatz, durch die Titelwahl [shinpan], würde eine vorschnelle Vorverurteilung des Protagonisten provozieren und eine moralische Legitimation, wenn nicht sogar allegorische Erhöhung des Gerichts als womöglich letzte gottgewollte Instanz implizieren.
Umgekehrt bleibt aber zu diskutieren, ob eine vermeintliche Modernisierung bzw. Säkularisierung des Process-Titels allein dem gewollten Ergebnis einer vielfältigen Process-Interpretation gerecht wird. Denn gerade die Absage an Brods religiöse Deutung hat für die Übersetzung zahlreiche Verluste phantastischer und archaischer Elemente in Wort und Syntax zur Folge. Die bei Engel (vgl. 2010: 195) noch stark gemachte Notwendigkeit einer ambigen Zwei-Welten-Konstruktion gerät damit in eine Schieflage.
3.2 Gesetzesauslegungen: vom Letzten Gericht bis zur Entstehung einer wissenschaftlichen Tatsache
Das Wort gewinnt im literarischen Kunstwerk gegenüber der pragmatischen Gebrauchsprosa eine größere »semantische Dichte« (Markstein 2015: 246) und nimmt eine Vielfalt von Assoziationen und Konnotationen in sich auf. Übersetzerinnen und Übersetzer rezipieren die in den Ausgangstexten poetisch wirkmächtigen Mehrdeutigkeiten und müssen für den Übersetzungsprozess Entscheidungen treffen, die in die Bedeutungskonstitution der jeweiligen Texte hineinwirken.
Besonders deutlich sieht man dies im Einstiegssatz der ›Türhüter‹-Legende: »Vor dem Gesetz steht ein Türhüter.« (KKAP: 292) Gut die Hälfte aller Übersetzungen (vgl. Anhang 2) übersetzt das Gesetz mit dem Kanji 掟, das als [okite] gelesen wird. Neben der erwartbaren Übersetzung durch das Lemma »Gesetz« (Stalph 2022: 76) umfasst die Semantik von [okite] aber auch das religiöse »Gebot« (ebd.), die »Regel« (ebd.) und darüber hinaus sittliche Vorstellungen eines Verhaltenskodex, sodass sich im allgemeinen Sprachgebrauch die Verwendung von [okite] vor allem in Sportvereinen und religiösen, weltanschaulichen Zusammenschlüssen finden lässt. Ganz sicher verbinden japanische Leserinnen und Leser mit [okite] keine rein rechtsstaatliche und moderne Auffassung einer objektiven Legislative, die ganz anders mit der Wahl auf das Kanji 法 [hō] von der anderen Hälfte der Übersetzungen getroffen wird. Die Polarität beider Process-Welten kommt mit der [okite]-Übersetzung insofern deutlich zur Wirkung, als in denselben Texten Josef K. die Vorstellung einer sachlich objektiven Rechtsprechung, die mit dem Kanji 法 [hō] zum Ausdruck gebracht wird, explizit bekannt ist. So wundert sich K. zu Beginn des Romanfragments über den willkürlichen Akt seiner Verhaftung, die doch in einem modernen »Rechtsstaat« (KKAP: 10)12 unmöglich sei.
Allgemein zeigt sich das ungeklärte Verhältnis von Recht und Angemessenheit nirgendwo in so klarem Licht wie beim Problem von exekutierenden Gewalten. Ihre staatliche Konstituierung ist wesentliche Voraussetzung für die Legitimation ihrer Anwendung, alles andere wäre Despotie. Obgleich K. von der Existenz der Rechtsstaatlichkeit weiß, fügt er sich dem Gebot ([okite]) zum Erstaunen der Leserinnen und Leser so, als ob tatsächlich »das Gericht von der Schuld angezogen werde« (KKAP: 55).
Die Hybridisierung von kulturellen und historischen Semantiken zwingt die Übersetzung somit zu Entscheidungen, die sich mit der von Lawrence Venuti (vgl. 1995: 4-15) geprägten Formel des gleichzeitigen Autorseins und Autornichtseins gut beschreiben lassen: Ein Original erfindet sich nicht aus dem Nichts, sondern ist – wie die Übersetzung – das Ergebnis von Auswahl, Aneignung und Strukturierung bereits codierter kultureller Materialien. Gerade aber in der japanischen Übersetzung von ›Gesetz‹ werden je nach Auswahl neue Wege in Bezug auf die Deutungssteuerung beschritten mit denkwürdigen Konsequenzen für die Zwei-Welten-Konstruktion: Mit der bewussten Entscheidung für [okite] anstelle von [hō] erhalten die Übersetzungen das im Fragment entfaltete Spannungsverhältnis zwischen moderner Rechtsfähigkeit und legitimem Zweifel am Gericht sprachlich aufrecht. Sie entrücken das Gericht in eine archaische Welt religiöser Bußkulturen, obgleich den erzählten Figuren die Semantik staatlicher Rechtskulturen bekannt ist.
3.3 Realitätsmodi einer Festnahme und ihr Übersetzungsproblem
K. ist mit Eintritt der Handlung ein Beschuldigter in einem Strafverfahren, dessen zentrales Element, nämlich die vorgeworfene Straftat, vollkommen offenbleibt. Diese Leerstelle wird auch von den übrigen Romanfiguren, die bestens über die juristischen Angelegenheiten von K. informiert scheinen, nicht hinterfragt; vielmehr ist sie dem Roman nahezu leitmotivisch vorangestellt: »Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.« (KKAP: 7) Wem steht die Übersetzung eigentlich zur Seite, dem »Jemand« oder dem »er«?
Hier liegt keine Schilderung eines Ereignisses vor. Vielmehr wird zum Romananfang bereits das Nachdenken über einen Vorfall sprachlich abgebildet. Die Verwendung von Konjunktiv und Indikativ ist an dieser Stelle ungewöhnlich, die Frage nach der Erzählperspektive nicht sicher zu beantworten, wenngleich für Stach (vgl. 2024: 360) feststeht, dass es sich eindeutig um die Perspektive K.s handelt.
Der Satz ließe sich wohl am ehesten als nicht eindeutig zuzuordnende Erzählform mit dramatischen Elementen beschreiben: Zwar ist durch die Verwendung des Modalverbs »musste« (KKAP: 7) im Präteritum die Rede als eine berichtende Situationsbeschreibung gekennzeichnet, jedoch erweckt der Einsatz des Konjunktivs II »hätte« (KKAP: 7) im Nebensatz zumindest die Illusion einer direkten Einsicht in die Gefühlswelt von K. und somit einer unmittelbaren Teilnahme am erzählerisch vermittelten Geschehen. Die große Irritation liegt nun darin, dass das Modalverb nicht im Indikativ steht – wie etwa: »denn ohne dass er etwas Böses getan hatte« – und nicht deutlich wird, ob es sich um eine indirekte Wiedergabe von K.s Gedanken handelt oder um eine Unsicherheit in Kafkas Erinnerungsvermögen. Noch verwirrender ist die artistische Verschachtelung von »denn« und »ohne daß«, die den Indikativ in einem folgenden Hauptsatz eigentlich zur zwingenden Folge hätte.
Dramatische Qualität entfaltet der Romananfang durch die räumliche und zeitliche Nähe zur erzählten Situation: Die Lesenden werden Augenzeuginnen und -zeugen einer Verhaftung. Kommentierende, die Situation und ihre historische oder lokale Umgebung beschreibende epische Einschübe, beispielsweise in Form auktorialer Kommentare, findet man nicht. Die Duplizität von Erzähler- und Figurenperspektive mit dem ersten Satz des Romanfragments verunmöglicht einen eindeutigen Interpretationsversuch zur Schuldfrage von K. Für die Übersetzung ist dieses »einsinnige Erzählen« (Stach 2024: 360) eine Herausforderung.
Zum einen tendieren die Übersetzungen zur Exponierung einer diegetisch-narrativen Erzählweise; zum anderen wahren sie die dramatische Unmittelbarkeit der im Ausgangstext irritierenden Grammatik. Die Vermittlungsstrategien sollen im Folgenden nicht streng voneinander abgegrenzt werden; vielmehr geht es darum, sich der Frage anzunähern, inwieweit sich die Übersetzungen bewusst von der Schuldfähigkeit Josef K.s distanzieren bzw. positionieren. Anhand der folgenden drei Beispiele wird deutlich, wie sehr die Übersetzungen mit der Problematik des Konjunktivs »hätte« gerungen haben. Die Widersprüchlichkeit und Unmöglichkeit einer eindeutigen Zuordnung der Sprecherposition wurde durch eine Einfügung umgangen. Dort heißt es:
「何者か、ヨーゼフ・Kを密告した者があるに相違ない。というわけは、ある朝、身に覚えのない彼が突然逮捕されたからである。」(Kafka 1953: 5)13
「だれかがヨーゼフ・Kを中傷したに違いなかった、なぜなら、なにも悪いことをした覚えはないのにある朝逮捕されたからである。」(Kafka 1992: 11)14
「だれかが謗ったにちがいない。悪事をはたらいた覚えがないのに、ある朝、ヨーゼフ・Kは逮捕された。」(Kafka 2001: 7)15
Die Übersetzung von Motono (vgl. Kafka 1953) trifft die Bedeutung und den syntaktischen Aufbau des Ausgangstextes, jedoch mit der folgenschweren Abweichung, dass Josef K. nun »plötzlich« (突然) verhaftet wurde. Das prädikative Adjektiv existiert in den Konvoluten nicht, auch nicht als Erwägung von Kafka, die dann von den Herausgebern emendiert wurde. Mit diesem eindeutig übersetzerischen Eingriff erfährt der einleitende Satz bei Motono eine Steigerung an dramatischer Unmittelbarkeit, und der Affekt der Überraschung, der sich sowohl auf Seiten der Figur Josef K. als auch auf jener der Lesenden gleichermaßen einstellt, schafft einen identifikatorischen Pakt zwischen beiden Instanzen. Die Rezipierenden sind nach dieser Fassung noch eher geneigt, der Rechtmäßigkeit der Festnahme zu misstrauen.
In die genau andere Richtung gehen die Übersetzungen von Nakano (vgl. Kafka 1992) und Ikeuchi (vgl. Kafka 2001). Dort ist die schwierige Übersetzung des modalen Nebensatzes von besonderem Interesse: »denn ohne dass er etwas Böses getan hätte«. Die Zitate machen Folgendes deutlich: Motono wählt die Übersetzung, »denn eines Morgens wurde er, der sich keiner Schuld bewusst war, plötzlich verhaftet.« (Kafka 1953: 5) Bei Nakano (vgl. Kafka 1992: 11) und Ikeuchi (vgl. Kafka 2001: 7) hingegen verändert sich die Erzähler- und Figurenbeziehung. Die Eingriffe der Übersetzer nehmen eine Position ein, indem eine neu eingefügte auktoriale Instanz ihr Misstrauen Josef K. gegenüber zum Ausdruck bringt. Beide Übertragungen lauten nämlich nach wörtlicher Rückübersetzung: »Obwohl er sich nicht erinnerte, etwas Böses getan zu haben, wurde er eines Morgens verhaftet.« Da die zitierten Ausgaben keinen Kommentar zur Übersetzung enthalten, kann nur spekuliert werden, inwieweit diese Abweichungen tatsächlich explizit intendiert waren. Wahrscheinlicher ist, dass alle Übersetzungen einen sprachlich angemessenen Weg gesucht haben, den literarisch anspruchsvollen Konjunktiv in einen modalen Nebensatz zu übertragen.
Unumstrittener Befund bleibt jedoch, dass die Erinnerung im Ausgangstext nicht vorkommt und man sich somit des Eindrucks nicht erwehren kann, dass die Verlagerung der Unschuldsvermutung aus dem erzählenden Raum in das Gedächtnis von K. seine Schuldfähigkeit wahrscheinlicher macht. Anders ausgedrückt, die hier zitierten Übersetzer distanzieren sich implizit oder explizit von der Unschuldsbehauptung, womit ein weiterer phantastischer Riss in Kafkas Realität geschlossen wird.
3.4 Phantastische Paradoxien in der erzählten Umwelt
Die Phantastik in Kafkas Texten wird durch die Unverständlichkeit und Irritation ihrer Sprache erzeugt. Der Process ruft durch seine sprachliche Rätselhaftigkeit das Bedürfnis nach Interpretation hervor, verweigert sich aber einem eindeutigen Zugriff, wie es Kafka auch in anderen Erzählungen, etwa dem Wunsch ein Indianer zu sein (1913) oder dem poetischen Kommentar Gibs auf (1936), besonders deutlich vorführt. Scheinbar realistische Erzählformen widersprechen realitätskonformen Handlungen. Wahrscheinlich war dies Motono (vgl. Kafka 1953: 40) bewusst, als er in der Übersetzung vom Abschnitt »Erste Untersuchung« die beginnende Einstiegsrede (vgl. KKAP: 49) – es handelt sich um einen in indirekter Rede wiedergegebenen Vollzugsbericht – einfach umschreibt. Er löst kurzerhand die gesamte Interpunktion im Text auf und füllt die Stellen mit Kommata auf. Die dadurch erzeugte Dynamisierung des Lesetempos zeigt, dass nicht nur Kafka, sondern auch dessen Übersetzer mit orthographischen Mitteln eine vermeintlich sachliche Rede rhythmisieren, sodass die Gerichtsrede selbst eine lyrikähnliche Form annimmt.
Neben solch kreativen Übersetzungsverfahren gibt es auch Beispiele für eine eingreifende Konkretisierung von Kafkas uneindeutigem Schreiben. Die Paradoxie seines Erzählens entfaltet sich einerseits durch den Widerspruch zwischen dem Denken und Handeln von K., andererseits durch die unsichere und nicht eindeutig identifizierbare metonymische oder Dinge personifizierende Umwelt. Das Gebäude der Untersuchungskommission beispielsweise erkennt K. mit einer Selbstsicherheit, die kausal vollkommen unerklärt bleibt: »Er hatte gedacht das Haus schon von der Ferne an irgendeinem Zeichen, das er sich selbst nicht genau vorgestellt hatte, oder an einer besondern Bewegung vor dem Eingang schon von weitem zu erkennen.« (KKAP: 53) Bildliche Erzählungen wie diese bezeugen die phantastische Welt von Kafkas Literatur. Nicht nur erkannte K. ein Zeichen, das er sich nicht genau vorgestellt hatte; er hatte auch nur »gedacht«, das Haus zu erkennen, und dennoch führte ihn seine Intuition, oder doch die Schuld, zum Gerichtsgebäude. Auch die besondere »Bewegung« vor dem Haus wird nicht näher beschrieben. Dies übernehmen aber sämtliche in dieser Studie versammelten Übersetzungen, wo es nun Bewegungen von »Menschen« (Kafka 1953: 43; 1966: 54; 1970: 119; 1992: 60; 2001: 50; 2015: 356) sind, die Kafka von der Ferne aus erkennt.
4. Im Zwischenraum unterschiedlicher Realitätsmodi
Fazit
Übersetzungen beeinflussen Lesestimmungen und -verhalten sowie Sympathielenkungen auf die Figuren im Romanfragment, um die Illusion des Originals zu erzeugen. Ihren Übersetzerinnen und Übersetzern kommen als sekundäre Senderinstanzen aktive Mittlerrollen im literarischen Kulturtransfer zu. Dort, wo sich Übersetzungen unterscheiden, richtet sich auch die Text-Leser-Interaktion neu aus und eröffnet unterschiedliche Deutungsoptionen. Was aber wurde aus dieser Studie konkret gewonnen?
Es konnte erstens gezeigt werden, dass die japanischen Übersetzungen eine aktive Gestaltungsrolle nicht nur in der Übertragung, sondern auch in der Weitererzählung des Process-Fragmentes einnehmen.
Möglicherweise zeichnet sich zweitens für die Zukunft der japanischen Process-Übersetzung ein Paradigmenwechsel ab, den man an der Oberfläche explizit am Titel erkennen kann. Die [Soshō]-Übersetzung nimmt Abstand von der religiösen Dimension der Brodinterpretation in Form der [Shinpan]-Übersetzung. Dieser Wechsel wurde ausdrücklich von der deutschsprachigen Editionsgeschichte, namentlich durch die Veröffentlichung der historisch-kritischen Handschriftenausgabe (vgl. FKA), herbeigeführt, womit auch ein Beleg für den interkulturellen Wissenstransfer zwischen der Editions-, Literatur- und Übersetzungswissenschaft vorgewiesen werden kann. Die Titelsemantik vom Process wird, um es zuzuspitzen, in der jüngsten japanischen Übersetzung säkularisiert.
Es bleibt noch zu diskutieren, ob dieses Verfahren dem vermeintlichen Ziel der Übersetzungen, nämlich dem Offenhalten mehrdeutiger Deutungspotenziale, gerecht wird. Schließlich stellt das antirealistische Erzählen für die inhaltlich diskursiv, sprachlich formale Gestaltung des Textes ein wesentliches Element von Kafkas Schreiben dar, wie aktuelle Forschungspositionen (siehe Abschnitt 3) ausdrücklich betonen: Erst mit dem Aufeinanderprallen unterschiedlicher Realitätsmodi kommt die phantastisch literarische Qualität von Kafkas Schreiben zur Wirkung. Würde man diese ästhetische Paradoxie durch zusätzliche Eingriffe seitens der Übersetzungen explizieren oder ändern, bestünde auch die Gefahr, dass wesentliche Charakteristika von Kafkas Schreiben selbst in den Zielübersetzungen verloren gehen.
Während in den diskutierten Textstellen von Motono (vgl. Kafka 1953) die Modellierung zweier ambiger Welten sprachlich aufrecht erhalten bleibt, gehen die jüngsten Übersetzungen von Okazawa (vgl. Kafka 2009) und Tawada/Kawashima (vgl. Kafka 2015) unterschiedliche Wege in der Übersetzung von ›Gesetz‹. Am radikalsten verfahren indes die Übersetzungen von Nakano (vgl. Kafka 1992) und Ikeuchi (vgl. Kafka 2001), wenn sie die Unschuldsvermutung von K. als einen Selbstkommentar in dessen Gedächtnis verbannen.
Die schnellen Wechsel zwischen Konjunktiv und Indikativ sind unter anderem ein Kennzeichnen von Kafkas Schreiben und geben der antirealistischen paradoxen Erzählweise von Kafka eine sprachliche Form. Gleiches gilt für die sachliche Darstellung von sich komplett widersprechenden Umweltbeziehungen oder Denkwegen der erzählten Figuren, deren Duplizität von Erzähl- und Personalperspektive nicht immer klar zu trennen ist.
Zukünftige Übersetzungsprojekte werden sich fragen müssen, inwieweit sie in diese sprachlich komponierte Un-Ordnung eingreifen und was sie erreichen wollen, wenn sie die phantastische Process-Realität auflösen. Die Diskussion um Kafkas Literatursprache und ihrer angemessenen Übersetzung bleibt ein dringendes Desiderat.
Anhang 1: Der Process, Titelübersetzungen
- Motono, Kōichi: 審判 [Shinpan] (Kafka 1953)
- Tsuji, Hikaru: 審判 [Shinpan] (Kafka 1966)
- Harada, Yoshito: 審判 [Shinpan] (Kafka 1970)
- Tatsukawa, Yōzō: 審判 [Shinpan] (Kafka 1979)
- Nakano, Kōji: 審判 [Shinpan] (Kafka 1992)
- Ikeuchi, Osamu: 審判 [Shinpan] (Kafka 2001)
- Okazawa, Shizuya: 訴訟 [Soshō] (Kafka 2009)
- Tawada, Yōko/Kawashima, Takashi: 訴訟 [Soshō] (Kafka 2015)
Anhang 2: Übersetzungen von »Vor dem Gesetz steht ein Türhüter.« (KKAP: 292)
- 「掟の前にはひとりの門番がいる。」(Kafka 1953: 248)
- 「掟のまえに一人の門番が立っていた。」(Kafka 1966: 316)
- 「掟の前に一人の門番が立っていた。」(Kafka 1970: 266)
- 「法の前にひとりの門番が立っている。」(Kafka 1979: 178)
- 「法の前に一人の門番が立っている。」(Kafka 1992: 301)
- 「掟の門前に門番が立っていた、というのです。」(Kafka 2001: 268)
- 「掟の前に門番が立っていた。」(Kafka 2009: 320)
- 「法律の前に門番が立っている。」(Kafka 2015: 579; alle Hervorh. T.A.S.)
Anmerkungen
1 Die Schreibung des Titels orientiert sich an der historisch-kritischen Faksimile-Ausgabe von Reuß/Staengle (vgl. Kafka 1997), im Folgenden mit der Sigle FKA abgekürzt. Zitate aus dem Romanfragment werden der Kritischen Fischer-Ausgabe (vgl. Kafka 1990) von Pasley entnommen, im Folgenden mit der Sigle KKAP abgekürzt.
2 Vgl. zur Überlieferungsgeschichte FKA: 3-25.
3 Steinich (2008: 137) fasst zusammen: »Max Brod wird als Vollstrecker von Kafkas Testament zum Geburtshelfer des Autors. Die Kritische Kafka-Ausgabe wendet das wissenschaftliche Paradigma historisch kritischer Ausgaben an […]. Die Frankfurter Kafka-Ausgabe verpflichtet sich radikal der Handschrift, indem sie deren Photographie neben Transkriptionen stellt.«
4 Vgl. Anhang 1.
5 Soweit nicht anders vermerkt, wurden die Übersetzungen aus dem Japanischen ins Deutsche vom Autor vorgenommen. Für das Japanische wird die revidierte Hepburn-Umschrift verwendet.
6 So liest man bereits im Kommentar von Hartmut Binder: »Als Prager war er auf dieser deutschen Sprachinsel vom lebendigen Strom seiner Muttersprache abgeschnitten, als Deutschsprechender vom ihm umgebenden tschechischen Volkstum und seiner Kultur isoliert und als Jude wiederum von den in dieser Stadt lebenden nichtjüdischen Österreichern und ihrer Lebensart distanziert« (Binder 1975: 9). Kafkas deutsche Literatursprache vor dem Hintergrund der sprachsoziologischen Besonderheiten Prags ist Gegenstand der Studie von Boris Blahak (vgl. 2015).
7 Im Speziellen seien hierzu Kafkas Chinadiskurs und die Kafkarezeption in China zu nennen in dem von Kristina Jobst und Harald Neumeyer 2017 herausgegebenen Band Kafkas China.
8 Stach (2024: 392) stellt unter anderem am Beispiel der BRD- und DDR-Rezeptionsgeschichte fest, dass die globale Process-Rezeption deshalb so vielfältig ist, weil sie mit den regionalen Diskursen ihrer jeweiligen Leserkulturen verwoben wurde.
9 Einen ausführlichen Forschungsbericht findet man bei Stadler (vgl. 2019: 26-43) und Stach (vgl. 2024: 374-395).
10 Der Verzicht auf Erklärungen, zumal psychologischer Art, ist von Peter-André Alt (vgl. 2009) als typisch für Kafkas Schreiben auf eine Ästhetik zurückgeführt worden, die sich, wie Alt vertritt, am Film orientiere.
11 Die überwiegend charakteristische Textkürze von Titeln ist eine Herausforderung für Übersetzungen, da erläuternde textexterne Verfahren durch Kommentierungen in der Regel fehlen. Titel kennzeichnen den Inhalt über einen Text, und aus literaturwissenschaftlicher Sicht wird vor allem die Beziehung zwischen Titel und Text in den Blick genommen, etwa bei Buder (vgl. 1982) oder Nord (vgl. 1993).
12 Übersetzt mit »法治国家« [hōchikokka] in Kafka 1953: 8; 1966: 9; 1970: 93; 1979: 7; 1992: 15; 2001: 10; 2009: 14; 2015: 317.
13 »Jemand wird Josef K. sicher denunziert haben. Denn eines Morgens wurde er, der sich keiner Schuld bewusst war, plötzlich verhaftet.«
14 »Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn, obwohl er sich nicht erinnerte, etwas Böses getan zu haben, wurde er eines Morgens verhaftet.« Oder: »Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn, obwohl ihm nicht einfiel, etwas Böses getan zu haben, wurde er eines Morgens verhaftet.«
15 »Jemand muss ihn verleumdet haben. Obwohl er sich nicht erinnerte, ein Verbrechen begangen zu haben, wurde Josef K. eines Morgens verhaftet.« Oder: »Jemand muss ihn verleumdet haben. Obwohl ihm nicht einfiel, ein Verbrechen begangen zu haben, wurde Josef K. eines Morgens verhaftet.«
Literatur
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