Guo Moruos Ansichten zur deutschen Literatur
Eine Analyse anhand der Vor- und Nachworte seiner Übersetzungen
AbstractAs a translator and revolutionary, Guo Moruo selectively translated and accepted German literature in the light of Chinese reality and the context of the times, and gave German literature of different periods very different connotations and missions, making it diverse. During the May Fourth period, German literature played the role of enlightenment and edification; during the period of exile in Japan, German literature was used as a propaganda tool to speak out for the national defence literature; during the period of the war of resistance, German literature combined the attributes of people’s democracy and cultural connotations, and responded to the demands of nationalism; in the early period of the founding of the nation, Guo Moruo re-examined and revised the German language literature in conformity with the dominant ideology of the times. German literature intervened in China’s historical process and played its role in response to the call of the times, and Guo Moruo’s changes in his view of German literature also mirrored the development of his ideological changes in different periods of time.
TitleGuo Moruo’s Views of German Literature – From the Perspective of the Prefaces and Postscripts to the Translations
KeywordsGuo Moruo (1892-1978); views of German literature; translations; reception; Chinese-German literary relationship
Einleitung
Guo Moruo (郭沫若; 1892-1978) gilt nicht nur als einer der bedeutendsten chinesischen Schriftsteller, Lyriker, Dramatiker und Historiker, sondern auch als einer der herausragendsten Übersetzer des 20. Jahrhunderts, insbesondere im Bereich der Übertragung deutscher Literatur ins Chinesische. Er übersetzte zahlreiche klassische Werke der deutschen Literatur, darunter Immensee, Die Leiden des jungen Werther, Faust I, Der Ketzer von Soana usw. Diese Übersetzungen waren wegweisend in der chinesischen Literaturszene und erfreuten sich großer Beliebtheit bei den chinesischen Lesern, wobei sie bedeutenden Einfluss auf verschiedene chinesische Schriftsteller ausübten.
Guo Moruos Tätigkeit als Übersetzer deutscher Literatur erstreckte sich über mehr als drei Jahrzehnte und begann während seines Aufenthalts in Japan. Dieser Zeitraum umfasste den Nordfeldzug, sein Exil in Japan, den Antijapanischen Krieg, den Befreiungskrieg und endete schließlich mit der Gründung der Volksrepublik China. Die meisten seiner Übersetzungen wurden mit einem Vor- oder Nachwort versehen, das den Lesern einen Überblick über die Handlung des Originalwerkes bot. In diesen Vor- und Nachworten äußerte Guo Moruo auch seine Ansichten zur deutschen Literatur. Der vorliegende Beitrag widmet sich der Analyse dieser Betrachtungen Moruos, basierend auf den Vor- und Nachworten, die er zu seinen Übersetzungen deutscher Werke verfasst hat.
Vor- und Nachworte zur Übersetzung deutscher Literatur
Die Anfänge seiner Übersetzungstätigkeit deutscher Literatur ins Chinesische reichen bis ins Jahr 1915 zurück, als er an der sechsten Oberschule in Okayama studierte. Doch erst 1921 erschien seine erste Übersetzung. In den 1920er Jahren übersetzte er Werke bedeutender deutscher Autoren wie Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werther, Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra, Theodor Storms Immensee, Gerhart Hauptmanns Der Ketzer von Soana und Goethes Faust I. Zusammen mit Cheng Fangwu gab er 1927 Ausgewählte deutsche Gedichte heraus, in denen eine Auswahl von Gedichten berühmter Dichter wie Goethe, Schiller und Heine sowie weniger bekannter Dichter enthalten ist. In den 1930er Jahren übersetzte er Friedrich Schillers Wallenstein und Goethes Hermann und Dorothea. In den 1940er Jahren vollendete er die Übersetzung von Faust II. Viele seiner Übertragungen, darunter Werke wie Immensee und Die Leiden des jungen Werther, erregten bei ihrem Erscheinen großes Aufsehen und wurden mehrfach neu aufgelegt. In den 1940er und 1950er Jahren wurden die Übersetzungen von Die Leiden des jungen Werther, Faust I und II überarbeitet und neu herausgegeben.
Von den zehn deutschen literarischen Werken, die Guo Moruo übersetzte, ist nur der Gedichtband Ausgewählte deutsche Gedichte ohne Vor- oder Nachwort erschienen. In Tabelle 1 wird eine Zusammenstellung von Guo Moruos Vor- und Nachworten zu seinen Übersetzungen deutscher Literatur präsentiert.
Tabelle 1: Vor- und Nachworte von Guo Moruo zu seinen Übersetzungen deutscher Literatur
Jahre | Entstehungszeit | Vor- und Nachworte |
1920er Jahre | 01.1922 | Vorwort zu Die Leiden des jungen Werther (《少年维特之烦恼》序引) |
05.1923 | Vorwort des Übersetzers zu Also sprach Zarathustra (《查拉图司屈拉之狮子吼》译者识) | |
08.1923 | Vorwort zur sechsten überarbeiteten Ausgabe von Immensee (《茵梦湖》六版改版的序) | |
09.1925 | Vorwort des Übersetzers zu Der Ketzer von Soana (《异端》译者序) | |
06.1926 | Nachwort zur erweiterten Ausgabe von Die Leiden des jungen Werther (《少年维特之烦恼》增订本后序) | |
11.1927 | Nachwort zu Faust: Teil I (《浮士德》第一部译后) | |
1930er Jahre | 11.1935 | Vorwort zu Wilhelm Meisters Lehrjahre (序《威廉迈斯达》) |
08.1936 | Nachwort zu Wallenstein (译完了《华伦斯太》之后) | |
11.1936 | Nachwort zu Hermann und Dorothea (《赫曼与窦绿苔》书后) | |
1940er Jahre | 07.1942 | Vorwort zur Neuauflage von Die Leiden des jungen Werther (《少年维特之烦恼》重印感言) |
02.1944 | Vorwort zur neuen Ausgabe von Faust (题《浮士德》新版) | |
05.1947 | »Faust in China wird nicht sterben – Nachwort zu Faust II« (中国的浮士德不会死——《浮士德》第二部译后记) | |
08.1947 | Kommentar zu Faust (《浮士德》简论) | |
08.1947 | kurzes Vorwort zu Moruos Gesammelte Übersetzungen von Gedichten (《沫若译诗集》小序) | |
1950er Jahre | 09.1954 | kurzes Vorwort zu Faust (《浮士德》小引) |
11.1954 | Nachwort zur Neuausgabe von Wallenstein (《华伦斯坦》改版书后) | |
05.1955 | kurzes Vorwort zu Die Leiden des jungen Werther (《少年维特之烦恼》小引) |
Die von Guo Moruo verfassten Vor- und Nachworte zu Übersetzungen deutscher Literatur umfassen insgesamt 18 Texte, beginnend mit dem Vorwort zu Die Leiden des jungen Werther im Jahr 1922 und endend mit dem kurzen Vorwort zu Die Leiden des jungen Werther im Jahr 1955. Dieser Zeitraum von über 30 Jahren markiert im Wesentlichen Guo Moruos Schaffens- und Übersetzerkarriere. Am häufigsten verfasste er Vor- und Nachworte zu Faust (Teil I und Teil II), insgesamt sechs, gefolgt von Die Leiden des jungen Werther mit vier, Wallenstein mit zwei und jeweils ein Vor- oder Nachwort für Werke wie Also sprach Zarathustra, Hermann und Dorothea, Immensee, Der Ketzer von Soana sowie Moruos Gesammelte Übersetzungen von Gedichten.
Die Leiden des jungen Werther und Faust sind jeweils repräsentative Werke des jungen und des alten Goethe. Ersteres wurde besonders häufig mit Vor- und Nachworten versehen, da Guo Moruos Übersetzung in der modernen chinesischen Literatur sehr beliebt war und von zahlreichen Verlagen immer wieder neu aufgelegt wurde. Letzteres wurde aufgrund der unterbrochenen und fast 30 Jahre dauernden Übersetzungsarbeit erst spät vollständig veröffentlicht. Die Vor- und Nachworte von Guo Moruo entstanden in der Regel zeitnah zur Übersetzung selbst, doch mit den häufigen Neuauflagen erschienen auch immer wieder neue Vor- und Nachworte. Faust und Die Leiden des jungen Werther sind typische Beispiele hierfür, da diese Vor- und Nachworte über einen langen Zeitraum hinweg entstanden und Guo Moruos sich wandelnde Sichtweisen auf dasselbe literarische Werk in verschiedenen Lebensphasen anschaulich widerspiegeln.
Die 1920er Jahre
Deutsche Literatur als Mittel zur Aufklärung
Im Jahr 1919 brach die Bewegung des 4. Mai aus, die sich rasch im ganzen Land ausbreitete. Diese Bewegung förderte nicht nur das politische Erwachen der Bevölkerung, sondern trieb auch die Befreiung des Denkens voran. Vor diesem Hintergrund begannen chinesische Intellektuelle, sich aktiv mit der Übersetzung ausländischer Literatur zu beschäftigen. So übersetzten etwa Lu Xun und Zhou Zuoren gemeinsam Werke aus der Literatur unterdrückter und kleiner Ethnien Russlands, Osteuropas und Skandinaviens und stellten diese vor. Mitglieder der ›Schöpfungsgesellschaft‹ (创造社), wie Guo Moruo, Yu Dafu und Cheng Fangwu, entschieden sich hingegen dafür, deutschsprachige Literatur in China einzuführen, um wertvolle Ressourcen für die geistige Aufklärung bereitzustellen. Guo Moruo (1947a: 38) begann 1919 mit der Übersetzung von Faust I, was er »inmitten des Höhepunkts der 4.-Mai-Bewegung« in Angriff nahm.
Im April 1922 erschien die Erstausgabe von Guo Moruos Übersetzung von Die Leiden des jungen Werther im Taidong-Verlag in Shanghai. Diese Ausgabe enthielt auch das Vorwort, das zugleich Guo Moruos erstes Vorwort zu einer Übersetzung deutscher Literatur war. Darin beschreibt Guo Moruo den Übersetzungsprozess und erläutert die Beweggründe für seine Arbeit. Er bietet einen Überblick über Goethes Werk und Leben und geht auf die zentralen Ideen und Gedanken ein, die sich im Werther manifestieren, darunter »Empfindsamkeit«, »Pantheismus«, »Lob auf die Naturschönheit«, »Bewunderung für das primitive Leben« und »Verehrung des Kindes« (Moruo 1922: 132f.).1 Guo Moruo thematisierte auch das ›Werther-Fieber‹ in Europa, das junge Männer und Frauen dazu brachte, Werthers Selbstmord nachzuahmen, und er bezog sich auf die damit verbundene Kritik. In seinem Vorwort lobte er Goethe als »neuen Stern der Kunstwelt«, der »die Verantwortung trug, die Blüte der deutschen Literatur und Kunst herbeizuführen« (ebd.: 134). Guo Moruo verteidigte Goethe und Werther gegen Angriffe,2 indem er den Utilitarismus der literarischen Künstler zurückwies und betonte, dass »Literatur und Kunst revolutionäre Manifeste gegen die etablierte Moral und die etablierte Gesellschaft« seien (ebd.: 136).
Im Kontext der 4.-Mai-Bewegung, die in China zu einem verstärkten Interesse an ausländischer Literatur führte, widmete sich Guo Moruo der Übersetzung von Faust I. Im Nachwort zu Faust II zog er eine Parallele zwischen der 4.-Mai-Bewegung und der literarischen Strömung des Sturm und Drang.
Die Bewegung des 4. Mai ähnelt der Epoche des Sturm und Drang, in der der junge Goethe lebte. Beide Epochen stellten Übergangszeiten von der feudalen zur modernen Gesellschaft dar. Aufgrund dieser Ähnlichkeiten fühlte ich eine tiefe Verbindung mit dem jungen Goethe. In einer beinahe bewundernden Stimmung übersetzte ich den ersten Teil von Faust. Damals schien die Übersetzung beinahe einer eigenen Schöpfung gleichzukommen, und ich hatte das Gefühl, etwas von großer Bedeutung in meinem Leben vollbracht zu haben. (Muoro 1947a: 38)
1925 verfasste Guo Moruo das Vorwort zu Der Ketzer von Soana, das in die im Mai 1926 erschienene Erstausgabe der Novellen-Übersetzung aufgenommen wurde. Hauptmanns Novelle behandelt den Konflikt zwischen Humanismus und Asketismus - verstanden als Spannung zwischen Geist und Körper - sowie den letztendlichen Triumph des Humanismus. Guo Moruo (vgl. 1982: 248) war der Ansicht, dass die in der Novelle vorgeschlagenen Lösungen für den Konflikt zwischen Geist und Fleisch, der ein universelles Problem der menschlichen Natur darstellt, der modernen Jugend als Orientierungshilfe dienen könnten (vgl. Moruo 1982: 248). Als Guo Moruo 1927 das Nachwort zu Faust I verfasste, war die 4.-Mai-Bewegung bereits am Ende, und Guo Moruo vertrat zu diesem Zeitpunkt eine deutlich andere Auffassung in Bezug auf Goethe. Im Rückblick auf zehn Jahre anspruchsvolle Übersetzungsarbeit betonte er, dass »zwischen den Gedanken in den Werken und meiner eigenen Weltanschauung bereits große Unterschiede bestehen« (Moruo 1978: 383). Aus diesem Grund entschied sich Guo Moruo dazu, die Übersetzung des zweiten Teils nicht fortzusetzen.
Die Vor- und Nachworte von Guo Moruos Übersetzungen deutscher Literatur in den 1920er Jahren spiegeln seine Bemühungen wider, soziale Probleme anzusprechen. Die übersetzte deutsche Literatur erfüllte dabei eine aufklärerische Funktion. Guo Moruo übersetzte und kommentierte deutsche Literatur nicht nur, um den intellektuellen Bedürfnissen gerecht zu werden, sondern auch, um junge Menschen zu bilden, zu erziehen und ihre geistigen Bedürfnisse zu befriedigen.
Die 1930er Jahre
Deutsche Literatur als Propagandainstrument
In den 1930er Jahren befand sich China in einer Phase des Widerstands gegen die japanische Aggression, und die Atmosphäre des antijapanischen Widerstands wurde zunehmend angespannter. Widerstand zur Rettung der Nation wurde zur Leitmelodie der Zeit. Dem Aufruf zur antijapanischen nationalen Einheitsfront folgend, sammelten sich auch Intellektuelle der Kulturszene im ganzen Land3 und schlossen sich der Bewegung zur Rettung der Nation an.
Um die chinesischen Schriftsteller zu vereinen und effektiver im Widerstandskampf gegen die japanische Invasion zu unterstützen, initiierte Zhou Yang, damals ein führender Leiter der Liga linksgerichteter Schriftsteller Chinas (中国左翼作家联盟) , im Winter 1935 die Bewegung der Literatur der nationalen Verteidigung (国防文学). Der Name der Bewegung wurde von der sowjetischen Literatur beeinflusst und erstmals im Oktober 1934 von Zhou Yang in China eingeführt. Ende 1935 veröffentlichte Zhou Libo einen Artikel Über die Literatur der nationalen Verteidigung, und die Parole der Literatur der nationalen Verteidigung gewann allmählich an Popularität. Bis 1936 tauchten in der Kulturszene nacheinander Schlagworte wie ›Theater der nationalen Verteidigung‹, ›Poesie der nationalen Verteidigung‹, ›Musik der nationalen Verteidigung‹ und ›Filme der nationalen Verteidigung‹ auf, die patriotische Schriftsteller aus allen Gesellschaftsschichten dazu aufriefen, sich der Widerstandsbewegung gegen Japan anzuschließen. Guo Moruo war ebenfalls ein aktiver Unterstützer und Verfechter der Literatur der nationalen Verteidigung. Zur gleichen Zeit stellten Lu Xun, Hu Feng und Feng Xuefeng die neue Parole der »Volksliteratur während des nationalen revolutionären Krieges« (民族革命战争的大众文学; Li 2020: 69) vor, was zur Debatte über die ›zwei Parolen‹ führte.
Als Befürworter der Literatur der nationalen Verteidigung veröffentlichte Guo Moruo nacheinander kritische Artikel wie Nationale Verteidigung – verschmutzter Teich – Fegefeuer (国防·污池·炼狱), Meine Meinung zur Literatur der nationalen Verteidigung (我对于国防文学的意见) und Inspektion der Sämlinge (蒐苗的检阅), um die Literatur der nationalen Verteidigung zu propagieren. Nationale Verteidigung – verschmutzter Teich – Fegefeuer war der erste Artikel von Guo Moruo über das Thema der Verteidigungsliteratur, geschrieben am 14. Juni 1936. Darin schlug er vor, die Literatur der nationalen Verteidigung als »nicht verräterische oder antiimperialistische Literatur« (Moruo 1989: 227) zu definieren. Am 13. Juli 1936 verfasste er den Artikel Meine Meinung zur Literatur der nationalen Verteidigung, in dem er sich zu verschiedenen Aspekten der literarischen Schöpfung äußerte. Dazu zählten auch die Darstellung von Verrätern und die Schilderung ihres Lebens. Er bemerkte: »Bezüglich historischer Verräterfiguren, die noch einer Untersuchung bedürfen, habe ich vor, in Zukunft ebenfalls in dieser Weise zu schreiben.« (Ebd.: 235) Während er diese literarischen Kritiken verfasste, arbeitete Guo Moruo gleichzeitig an der Übersetzung des historischen Dramas Wallenstein.
In den 1930er Jahren übersetzte und stellte Guo Moruo zwei Werke vor, nämlich Wallenstein von Schiller und Hermann und Dorothea von Goethe. Zu beiden Übersetzungen verfasste er jeweils ein Nachwort. Zudem schrieb er ein Vorwort zu Wilhelm Meisters Lehrjahre. Darin äußerte sich Guo Moruo (1935: 51) nicht ausführlich über das Werk selbst, sondern verglich es lediglich mit Faust und bezeichnete es als »eine Lebensgeschichte Goethes«. Er betonte, dass Goethe trotz seines privilegierten Lebens hart gearbeitet und viel erreicht gehabt habe, und dass es lohnenswert sei, von Goethes fleißiger Lebenseinstellung zu lernen. Verglichen mit seiner distanzierten Haltung gegenüber Goethe in den späten 1920er Jahren hatte Guo Moruo offensichtlich seine Einstellung geändert und begonnen, Goethe und sein Werk dialektisch zu betrachten. Zwar sei Goethes Zeit lange vorbei, doch »in seinen Werken hat er uns eine Reihe wertvoller Vermächtnisse hinterlassen. Selbst wenn wir ihn oder irgendeinen anderen Autor ablehnen würden, müssten wir uns dennoch durch seine Werke hindurcharbeiten« (ebd.). In seinem Nachwort zu Wallenstein von 1936 analysierte Guo Moruo ausführlich den Inhalt des Stücks, die Charakterisierung und die Erzähltechnik und gab aufschlussreiche Kommentare ab. Dennoch bezeichnete er das historische Drama als »Verräterliteratur« (汉奸文学) oder »Literatur der nationalen Verteidigung« und sah in Wallenstein einen Verräter (Moruo 1936: 219). Das Stück »schildert die Entstehung, die Entwicklung und das Scheitern des Verräters, was auch für uns von großem Nutzen zu sein scheint« (ebd.). Diese Auffassung von Wallenstein als »Verräterliteratur« stellte sich jedoch als eine Fehlinterpretation heraus. Auch in seinem 1936 erschienenen Nachwort zu Hermann und Dorothea vertrat Guo Moruo die Auffassung, dass der Inhalt des Werkes »für unsere heutige Realität von geringerer Bedeutung ist und nur in gewisser Weise die Bedeutung der ›nationalen Verteidigung‹ widerspiegelt« (Moruo 1937: 351). Guo Moruo versuchte, durch die Übersetzung und Vermittlung deutscher Literatur zu demonstrieren, wie Literatur der nationalen Verteidigung geschaffen werden kann.
In den 1930er Jahren unternahm Guo Moruo nur wenige Anstrengungen, deutsche Literatur zu übertragen. Die beiden einzigen Übersetzungen, die er in dieser Zeit angefertigt hat, standen im Zusammenhang mit der nationalen Verteidigung. Durch diesen Fokus verlor die deutsche Literatur ihre ästhetische und aufklärerische Funktion und wurde stattdessen als Instrument für Propaganda und Kontroversen in die chinesische literarische Welt eingeführt.
Die 1940er Jahre
Deutsche Literatur für die Volksdemokratie
In den 1940er Jahren verfasste Guo Moruo hauptsächlich Vorworte zu Die Leiden des jungen Werther sowie zu Faust I und II. In seinem Vorwort von 1942 bekräftigte Guo Moruo seine Ansicht, dass Die Leiden des jungen Werther ein wertvolles Buch sei und er Goethe immer noch als großartig empfand (vgl. Moruo 1944: 1).
Im Jahr 1945 wurden der Weltkrieg gegen den Faschismus und der Widerstandskrieg gegen Japan gewonnen. Die Demokratiebewegung entwickelte sich rasch in den von der Kuomintang beherrschten Gebieten. Im Jahr 1947 vollendete Guo Moruo schließlich die Übersetzung von Faust II. Er gestand im Vorwort ein, dass er in den 1920er Jahren beim Versuch, Faust II zu übersetzen, gescheitert war, da er »die Gefühle Goethes in seiner Blütezeit und in seinem hohen Alter, die im zweiten Teil enthalten sind, nicht nachvollziehen konnte und sogar Abneigung gegen das Werk hatte« (Moruo 1947a: 38). Doch das wachsende Interesse an Goethe und Faust ermöglichte es ihm, den zweiten Teil in den 1940er Jahren weiter zu übersetzen. Mit zunehmendem Alter und wachsender Erfahrung näherte sich Guo Moruo immer mehr der Welt von Faust an und veröffentlichte im Oktober 1947 den Artikel Kommentar zu Faust, der später in die im selben Jahr herausgegebene Ausgabe von Faust I und II aufgenommen wurde. In diesem Artikel gab Guo Moruo (1947b: 20) einen Überblick über Faust und beschrieb das Werk als »die Entwicklungsgeschichte einer Seele oder des Zeitgeistes«. Guo Moruo hatte nun ein tieferes Verständnis von Faust II, doch im Kontext der Kriegszeit interpretierte Guo den ersten und letzten Akt des Faust wie folgt:
Es besteht ein Widerspruch zwischen dem ersten und letzten Akt: Am Anfang steht ein männlicher Gott, am Ende jedoch die weibliche Lichtjungfrau. Dies wirft die Frage auf, ob im Himmel eine unblutige Revolution stattgefunden hat. Eine kindliche Vermutung interessiert mich hierzu. […] Das Universum, das bisher von einem männlichen Gott dominiert wurde, wandelt sich zu einem göttinnenzentrierten Universum, und die vormals männlich geprägte Erde wird zu einer weiblich-zentrierten Erde. […] Natürlich handelt es sich hierbei lediglich um eine Fantasie, die nicht mehr und nicht weniger als das symbolisiert. Im Allgemeinen repräsentiert der Mann Unabhängigkeit und Autonomie, die jedoch auch in Diktatur umschlagen können. Die Frau hingegen verkörpert Barmherzigkeit und Vergebung, was letztendlich zu Demokratie und Frieden führen kann. Die Unterordnung des Mannes unter die Frau bedeutet, dass Unabhängigkeit durch Barmherzigkeit und Vergebung ergänzt wird, was Demokratie und Frieden im Kampf gegen Tyrannei und Diktatur ermöglicht. Dies sollte die absolute Garantie für das menschliche Glück darstellen. (Ebd.: 29f.)
Als Politiker bezog sich Guo Moruo in seiner Interpretation von Faust auf seine politischen Bemühungen in den 1940er Jahren: sein Streben nach Demokratie und Frieden sowie seine Ablehnung einer autoritären Diktatur. Durch die Revolution erlangte das Ewig-Weibliche, das für Demokratie und Frieden steht, Unabhängigkeit und Autonomie, wodurch das Glück der Menschheit gesichert wurde. Zudem interpretierte er die zentrale Idee von Faust als »eine Entwicklung vom Egozentrismus zum Volk im Mittelpunkt« (ebd.). Dabei betonte er, dass die zentrale Idee von Faust vor allem darin bestehe:
Obwohl Faust ein Produkt der Fantasie ist, findet er Zufriedenheit in dem Gedanken, »eröffne ich Räume vielen Millionen«, und: »Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehn, auf freiem Grund mit freiem Volke stehn«. Diese Entwicklung von einem egozentrischen zu einem volkszentrierten Denken war ihrer Zeit weit voraus und wurde weder von Faust noch von Goethe vollständig vollzogen, wenngleich dies ihr Wunsch war. Dies ist ein äußerst wichtiger Gedanke, den wir nicht übersehen dürfen. Faust erkennt diese Idee erst im Sterben. Goethe selbst erlangte diese Erkenntnis erst kurz vor seinem Tod, nachdem er über mehr als 80 Jahre hinweg darauf hingearbeitet hatte. Die Entwicklung von Faust lässt sich als eine natürliche Progression hin zum Erwachen des Volksbewusstseins interpretieren. (Ebd.: 29)
Nach Guo Moruos Interpretation diente Faust als Vorbild für die Volksdemokratie. Die höchsten Ideale von Faust und Goethe wurden auf die Idee des ›Volkes im Mittelpunkt‹ (人民本位) und die Bereitschaft übertragen, für die Demokratie des Volkes zu kämpfen. Guo Moruo zog eine Parallele zwischen der harten Realität in Deutschland, wie sie in Faust dargestellt wurde, und der damaligen Situation in China. Auf diese Weise wies er auf die Richtung für die Zukunft Chinas hin:
Unser heutiger Weg ist klar und deutlich; genau genommen geht es nicht darum, in den Himmel aufzusteigen, sondern in die Erde einzutreten. Selbst das »Ewig-Weibliche« muss zuerst seine eigene Befreiung erlangen. In der chinesischen Version von »Faust« wird er niemals altern, nicht blind werden und nicht sterben. Zweifellos wird er sich nicht damit zufriedengeben, nur die seichten Ufer aufzufüllen und eine feudalherrenartige Demokratie zu gewähren. Stattdessen wird er darauf hinarbeiten, dass ganz China zu einem Meer der Demokratie wird, in dem das Volk wirklich die Macht innehat. (Moruo 1947a: 39)
Der chinesische Faust sollte das Volk zu den Herren Chinas machen, und in diesem Sinne verlieh Guo Moruo Faust eine neue Bedeutung. 1947, als China den Widerstandskrieg gegen Japan gewonnen hatte und der Befreiungskrieg im Gange war, wurde die Volksdemokratie zu einem dringenden Bedürfnis. Durch seine Übersetzung und Interpretation von Faust zeigte Guo Moruo den Entwicklungspfad für das damalige China auf: die Errichtung eines vom Volk regierten Landes. In diesem Text spiegeln sich nicht nur Guo Moruos Bemühungen um einen neuen Entwicklungsansatz für China wider, sondern auch seine volkszentrierte Ideologie in den 1940er Jahren. Der Begriff ›Volk im Mittelpunkt‹ war in dieser Zeit ein bedeutendes ideologisches und literarisches Konzept von Guo Moruo und fand breite Anwendung in seinen historischen Dramen, in der Untersuchung und Bewertung historischer Persönlichkeiten sowie in der Kritik der sozialen Realität. Die deutsche klassische Literatur nahm Einfluss auf die Geschichte des modernen China und spiegelte die nationalistischen Bestrebungen Chinas in den 1940er Jahren wider. Guo Moruos literarisch-künstlerische Konzeption, die das Volk in den Mittelpunkt stellte, prägte diesen Einfluss. Dadurch wurde die deutsche Literatur mit politischen und kulturellen Bedeutungen durchdrungen, die sich in den sozialen und kulturellen Kontext Chinas integrierten.
Die 1950er Jahre
Deutsche Literatur im Einklang mit dem Mainstreambewusstsein
In den ersten Jahren nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 wurden Guo Moruos Übersetzungen von Die Leiden des jungen Werther, Faust, Wallenstein und Hermann und Dorothea vom People’s Literature Publishing House neu aufgelegt. Für diese überarbeiteten Ausgaben hat Guo Moruo nicht nur die Übersetzungen korrigiert, sondern auch das Vorwort und das Nachwort zu Die Leiden des jungen Werther, Faust und Wallenstein neu verfasst.
Die erste Ausgabe von Die Leiden des jungen Werther, die 1955 vom People’s Literature Publishing House veröffentlicht wurde, enthielt anstelle des berühmten Vorworts von 1922 ein neues Vorwort. Darin erläuterte Moruo den Hintergrund und die Motivation des Werkes, in diesem Punkt ähnlich wie in der Version von 1922. Am Ende des Vorworts wurden jedoch sowohl die Beliebtheit des Romans bei den Lesern als auch dessen potenzielle negative Auswirkungen thematisiert. Guo Moruo nahm eine veränderte Position zum ›Werther-Fieber‹ ein und argumentierte, dass Selbstmord kein erstrebenswertes Verhalten sei. Er bemerkte:
Der Selbstmord ist natürlich nicht die einzige Form des Protests gegen die traditionelle Moral. Dieser Weg mag in der Fiktion leicht ans Herz rühren, in der Realität ist er jedoch das Verhalten eines Feiglings. Goethe selbst hat diesen Weg nicht eingeschlagen. Warum sollte ein Mann mit Ambitionen ein Gefangener der Liebe sein? (Goethe 1955: 3)
Im Gegensatz zu den herzlichen und enthusiastischen Lobeshymnen der 1920er Jahre bewertete der ältere Guo Moruo Die Leiden des jungen Werther neu. Er definierte das Werk als »realistischen Roman« und interpretierte das Thema als »Anti-Feudalismus« (ebd.). Im Jahr 1954 wurde Faust überarbeitet und neu aufgelegt, wobei Guo Moruo ein Vorwort verfasste. In diesem Vorwort zitierte er Lenin, der Faust während seiner Verbannung in Sibirien bei sich trug, als Beweis dafür, dass Faust nach wie vor lesenswert sei. »Es lohnt sich, das Buch zu lesen, aber es ist kein leicht zu lesendes Buch, vor allem der zweite Teil«, schrieb Guo Moruo und hob hervor, dass die Geschichte von Faust lehrreich bleibe (Goethe 1978a: 1). Darüber hinaus korrigierte Guo Moruo seine Einschätzung von Wallenstein. In der 1955 vom People’s Literature Publishing House veröffentlichten Ausgabe von Wallenstein wurde das Nachwort von 1936, Nach der Übersetzung von Wallenstein, ebenfalls aufgenommen, jedoch in mehreren Punkten überarbeitet. Die spezifischen Kürzungen und Änderungen sind in Tabelle 2 aufgeführt und in Beziehung gesetzt:
Tabelle 2: Unterschiede in den Nachworten der von Moruo übersetzten Wallenstein-Ausgaben von 1936 und 1955
Nachwort der Erstausgabe von 1936, veröffentlicht im Shanghai Life Bookstore | Nachwort der überarbeiteten Ausgabe von 1955, veröffentlicht vom People’s Literature Publishing House |
Im Großen und Ganzen kann man das Stück als »Verräterliteratur« oder »Literatur der nationalen Verteidigung« bezeichnen. | Dieser Satz wurde entfernt. |
Hier wird die Entstehung, Entwicklung und das Scheitern eines Verräters dargestellt, was für uns von großem Nutzen zu sein scheint. | Hier wird seine Entstehung, Entwicklung und sein Scheitern dargestellt, was für uns von großem Nutzen zu sein scheint. (Das Wort »Verräter« wurde entfernt.) |
Aber ich bin schließlich der Meinung, dass der Dichter ein wenig zu tolerant ist, um dem Verräter seine heroische Verkleidung rücksichtslos abzunehmen. | Dieser Satz wurde entfernt. |
Das Stück ist ursprünglich ein poetisches Drama, besteht jedoch fast ausschließlich aus ungereimten »Blankversen«, einer Form, die es in China nicht gibt. In meiner Übersetzung habe ich es vollständig in gereimten Versen wiedergegeben, jedoch habe ich, abgesehen vom »Prolog« und einigen wenigen Liedtexten im Stück, keine Zeilenumbrüche vorgenommen. Dies sollte natürlich Papier sparen und viele typografische Schwierigkeiten vermeiden, gleichzeitig möchte ich auch einige der modernen Dichter ein wenig satirisch kritisieren. Gedichte müssen nicht zwangsläufig in Zeilenumbrüchen geschrieben werden, und Texte mit Zeilenumbrüchen sind nicht unbedingt Gedichte. | Dieser Abschnitt wurde entfernt. |
Obwohl ich viel Mühe aufgebracht habe, habe ich der chinesischen Literaturszene einen westlichen »Verräter« vorgestellt, wofür ich unserem Herrn Schiller dankbar sein sollte. | Obwohl ich viel Mühe aufgebracht habe, haben wir der chinesischen Literaturszene einen solchen Helden vorgestellt. Dafür sollte ich unserem Schiller dankbar sein. |
Guo Moruo strich und änderte vor allem die Wörter und Ausdrücke, die sich auf ›Verräter‹ und ›nationale Verteidigung‹ bezogen, wie etwa: »Im Großen und Ganzen kann man dieses Stück als Verräterliteratur oder Literatur der nationalen Verteidigung bezeichnen«, und: »Aber ich bin schließlich der Meinung, dass der Dichter ein wenig zu tolerant ist, um dem Verräter seine heroische Verkleidung rücksichtslos abzunehmen.« (Schiller 1955: 475) Die Ausdrücke im Zusammenhang mit ›Verräter‹ wurden gänzlich gestrichen, und Wallenstein, die Hauptfigur des Stücks, wurde von einem ›westlichen Verräter‹ in einen ›Helden‹ verwandelt. Auch das Nachwort zu Herrmann und Dorothea wurde überarbeitet. In der 1956 erschienenen Neuauflage wurde der zweite Absatz weggelassen, der wie folgt lautete:
Das Gedicht hat die Form der griechischen Poesie und der Inhalt ist geprägt von der hebräischen Poesie. Der Inhalt des Werkes ist für unsere heutige Realität nicht von großer Bedeutung, er spiegelt nur in gewisser Weise die Bedeutung der ›nationalen Verteidigung‹ wider. Und die wertvollen Einsichten von Dorotheas Verlobtem, der für die Revolution ums Leben kam, sind eine Erwähnung wert. (Goethe 1952: 164)
Im Nachwort wurden vor allem die Hinweise auf ›nationale Verteidigung‹ und ›Revolution‹ gestrichen. Was Guo Moruo bewusst entfernte, verdient unsere besondere Aufmerksamkeit. Die deutsche Literatur spielte nicht länger die Rolle der politischen Propaganda, und Guo Moruo stellte die ursprüngliche Funktion der deutschen Literatur wieder her, also die ästhetische und literarische Eigenständigkeit der Werke, das, was Literatur als Kunstform ausmacht, ohne die später hinzugefügten politischen oder propagandistischen Bedeutungen. Mit der Veränderung der politischen und ideologischen Situation gehörte die Literatur der nationalen Verteidigung der Vergangenheit an und entsprach nicht mehr den tatsächlichen Bedürfnissen der chinesischen Literatur in den 1950er Jahren, und auch Guo Moruo passte seine Ansichten über die deutsche Literatur im Laufe der Zeit an.
In diesen Vor- und Nachworten gibt es einen weiteren bemerkenswerten Punkt. Guo Moruo äußerte sich in seinem Vorwort zu Wallenstein von 1954 bescheiden: »Ich kenne Schiller nicht gut genug, und ich kenne auch dieses Werk nicht gut genug. Es gibt auch viele Fehler in der Übersetzung. Ich hoffe daher, dass Sie mich korrigieren werden.« (Schiller 1955: 477) Eine ähnliche Aussage findet sich am Ende des Vorworts zum Faust:
Leider sind meine Deutschkenntnisse begrenzt. Einige Teile der Übersetzung sind zu trocken und es gibt sicher auch einige Fehler. Ich hoffe, dass diejenigen, die der deutschen Sprache mächtig sind und sich eingehend mit diesem Werke beschäftigt haben, es kritisch überprüfen, damit ich es bei Gelegenheit verbessern und überarbeiten kann. (Goethe 1978a: 1)
In den 1920er und 1940er Jahren hat Guo Moruo solche bescheidenen Äußerungen jedoch nicht gemacht. In seinen früheren Vor- und Nachworten beschrieb er meist den mühsamen Prozess der Übersetzung. So schrieb er 1947 im Nachwort zu Faust II:
Ich kann wirklich sagen, dass ich nicht leichtsinnig an meine Arbeit gehe, auch wenn ich meine Übersetzungen sehr schnell fertigstelle. Bitte lesen Sie das Werk in aller Ruhe, wenn Sie die deutsche Sprache beherrschen, und vergleichen Sie es mit dem Original, dann werden Sie zwischen den Zeilen meine Bemühungen erkennen. (Moruo 1954: 376)
Einige Tage später fügte Guo Moruo am Ende dieses Nachwortes hinzu: »Ich bin der Überzeugung, dass diese ganze Übersetzung immer lesenswert ist.« (Goethe 1954: 378) Im Nachwort zu Faust I, das er 1927 geschrieben hat, kritisierte Guo Moruo sogar das Phänomen der übermäßigen Kritik bei Übersetzungen: »Viele Menschen ignorieren die Mühen des Übersetzers völlig und stellen lediglich ihr geringes sprachliches Können zur Schau. Dies ist ein bedauerliches Phänomen.« (Goethe 1978b) Als Übersetzer hatte Guo Moruo damals volles Vertrauen in die Qualität seiner Übersetzung.
Die Unterschiede im Ton und in der Grundhaltung von Guo Moruos Vor- und Nachworten in den 1950er Jahren im Vergleich zu seinen früheren Werken lassen sich weitgehend auf die Einflüsse der kulturpolitischen Richtlinien und des öffentlichen Diskurses in der ersten Hälfte der 1950er Jahre zurückführen. Nach der Gründung der Volksrepublik China wurde eine landesweite, von oben nach unten gerichtete Bewegung zur Kritik und ideologischen Umerziehung der Intellektuellen eingeleitet. In diesem Kontext stellten sich Übersetzer, die von den vorherrschenden öffentlichen Diskursen beeinflusst wurden, bescheiden dar und zeigten sich demütig und vorsichtig, indem sie von ihren Kollegen, insbesondere vom Volk, lernten und Kritik annahmen. Guo Moruo bildete hier keine Ausnahme und reagierte positiv auf den dominierenden ideologischen Aufruf seiner Zeit. Die bescheidenen Äußerungen und demütigen Haltungen in den Vor- und Nachworten seiner Übersetzungen deutscher Literatur waren seine Antwort auf den gesellschaftlichen Mainstreamdiskurs. Auch Guo Moruo, der damalige Vorsitzende der chinesischen Föderation für Kunst- und Literaturverbände, setzte diese Richtlinien bewusst in seinen Vor- und Nachworten um. Guo Moruo bewertete Die Leiden des jungen Werther als ›realistischen Roman‹ und stufte Wallenstein neu als ›Helden‹ ein. All dies spiegelt seine Neubewertung der deutschen Literatur unter dem Einfluss der herrschenden Ideologie der 1950er Jahre wider. Die Vor- und Nachworte zu den Übersetzungen aus den 1950er Jahren basierten auf Guo Moruos Neuinterpretation der deutschen Literatur, um sie den politischen Anforderungen und dem Zeitgeist der sozialistischen Phase anzupassen.
Schlussbetrachtung
Aus den Vor- und Nachworten der aus dem Deutschen übertragenenen Klassiker geht hervor, dass Guo Moruo die jeweiligen Titel stets im Kontext der sozialen Realität Chinas ausgewählt und übersetzt hat. Mit dem Wandel des Zeitgeistes sowie den kulturellen und politischen Veränderungen interpretierte und kommentierte Guo Moruo dieselben deutschen Schriftsteller und Werke zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich, was zu einer völlig veränderten Sicht auf den Kanon der deutschsprachigen Literatur führte. In den frühen 1920er Jahren spielte deutschsprachige Dichtung und Belletristik eine zentrale Rolle in der Aufklärung und Erziehung, und Guo Moruo äußerte sich voll des Lobes und der Anerkennung. In den 1930er Jahren basierte Guo Moruos Verständnis von Literatur auf einem utilitaristischen Ansatz, und er ordnete den deutschsprachigen Werken bzw. deren Übertragungen ins Chinesische eine bedeutende Rolle als Instrument der kulturellen Propaganda zu. Seine diesbezüglichen Fehlinterpretationen lassen sich teilweise auf die Auswirkungen der Debatte über die beiden Parolen in der chinesischen Literaturwelt zurückführen. In den 1940er Jahren vertiefte Guo Moruo sein Wissen über die deutschen Klassiker, stand dabei jedoch unter dem Einfluss des ›Volk im Mittelpunkt‹-Konzepts, wodurch die deutsche Literatur mit der Idee der Volksdemokratie aufgeladen wurde. In den 1950er Jahren bewertete und interpretierte er die deutsche Literatur erneut, wurde dabei jedoch stark von der vorherrschenden politischen Ideologie geprägt. Bei der Übersetzung und Einführung deutscher Werke in China setzte Guo Moruo diese in Beziehung zur chinesischen Literatur und Politik. Angesichts der politischen Realitäten und der Literaturpolitik in China neigte er dabei sogar zu Fehlinterpretationen in Bezug auf den deutschen Kanon. Ob Lob, Fehlinterpretation oder Neuinterpretation – all dies spiegelt Guo Moruos Streben nach ›neuen Stimmen aus fremden Ländern‹ wider.
Anmerkungen
1 Alle Übersetzungen dieses Beitrags stammen vom Verfasser.
2 Diese Angriffe beziehen sich vor allem auf die zeitgenössischen moralischen und literarischen Kritiken, die Goethe und seinem Werther nach dem Erscheinen des Romans entgegengebracht wurden. Als Beispiel führt Guo Moruo den Duisburger Vorfall an, in dem der Pfarrer Hosenkampf den jungen Goethe wegen des angeblich ›unsittlichen‹ und ›gefährlichen‹ Einflusses des Romans scharf tadelte. Zudem erwähnt er den Aufklärer und Publizisten Christoph Friedrich Nicolai, der mit seiner Parodie auf Die Freuden des jungen Werther bewusst gegen Goethes Roman polemisierte und die sentimentale Haltung des Werther satirisch entwerten wollte. Für Guo Moruo verkörperten sowohl diese moralischen Kritiker als auch Autoren wie Nicolai die Vertreter ›überholter‹ gesellschaftlicher und moralischer Normen, gegen die er – im Sinne seines eigenen künstlerisch-revolutionären Verständnisses – Goethe und den Werther ausdrücklich in Schutz nahm.
3 Das meint jene kulturellen Intellektuellen – darunter Schriftsteller, Künstler und andere Kulturschaffende –, die sich während des Widerstandskrieges aktiv an der nationalen Rettungsbewegung beteiligten, etwa indem sie Antikriegsliteratur und -kunst schufen, kulturell engagierte Gruppen organisierten, propagandistisch aktiv wurden oder durch verschiedene Formen direkt an der Front Unterstützung leisteten.
Literatur
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Goethe, Johann Wolfgang von (1944): 少年维特之烦恼 [Die Leiden des jungen Werther]. Übers. v. Guo Moruo. Chongqing.
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Ders. (1978a): 《浮士德》第一部 [Faust. Der Tragödie erster Teil]. Übers. v. Guo Moruo. Beijing.
Ders. (1978b): 《浮士德》第二部 [Faust. Der Tragödie zweiter Teil]. Übers. v. Guo Moruo. Beijing.
Li, Bin (2020): 组织的错位与“两个口号”论争 [Die Fehlstellung der Organisation und die Debatte über die »zwei Parolen«]. In: 中国文学批评 [Chinese Literary Criticism] 4, S. 66-75.
Schiller, Friedrich (1936): 华伦斯太 [Wallenstein]. Übers. v. Guo Moruo. Shanghai.
Ders. (1955): 华伦斯坦 [Wallenstein]. Übers. v. Guo Moruo. Beijing.